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19.11.2019, 10:10 Uhr

Winterlicher Hygge-Urlaub auf Fanø

Fanø hatte mal die zweitgrößte Flotte Dänemarks und das erste Kurbad des Landes. Heute gilt die Insel als die hyggeligste von allen. Im Winter kann es dort aber auch mal ungemütlich werden.

Nicht nur im Winter hyggelig: das Gasthaus „Sonderho Kro“. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Nicht nur im Winter hyggelig: das Gasthaus „Sonderho Kro“. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Von Andreas Heimann, dpa

dpa/tmn Sønderho An diesem eisigen Wintermorgen ist der Himmel ein einziges großes Grau. Frost. Am Strand von Sønderho im Süden von Fanø lässt sich niemand blicken. Der Wind weht über die Dünenkette, vor der sich das Wattenmeer scheinbar endlos ausbreitet.

Gemütlich ist es nicht gerade. Dabei gilt Fanø, die kleine Insel vor der jütländische Westküste mit ihren rund 3400 Menschen als besonders hyggelig - wenn nicht gar als Inbegriff dänischer Behaglichkeit.

Doch bei diesen Temperaturen ist von Hygge nichts zu merken, jedenfalls nicht, wenn der Wind von vorne kommt. Helen Dörte Mähler ist das gewohnt. Die 37-Jährige trägt einen Schneeanzug und macht am Strand ein, zwei vorsichtige Schritte nach vorne. Im Wattenmeer vor Fanøs Küste ist Ebbe, die Nordsee hat sich weit zurückgezogen. Den Wattboden bedeckt eine dünne Eisschicht.

Winter im Wattenmeer

Mähler kennt das Watt gut, auch im Winter. Nach ein paar Minuten läuft es sich auf dem Eis wie sonst auf dem Schlickboden. Mähler macht regelmäßig Führungen auf ihrer Insel, bei gutem Wetter bis zu der Sandbank, auf der sich Seehunde und Kegelrobben von ihren Beutezügen in der Nordsee ausruhen. Aber an diesem Wintermorgen ist sie leer. Das Wattenmeer scheint sich am Horizont zu verlieren.

Hygge unter dem Reetdach

Helen Dörte Mähler stammt aus der Nähe von Hamburg. Sie wohnt mit ihrer Familie seit mehr als vier Jahren in Sønderho in einem Reetdachhaus. Davon gibt es dort ziemlich viele. Rund 75 stehen unter Denkmalschutz. Das Dorf gilt als besonders hyggelig und wurde 2011 zum schönsten in ganz Dänemark gewählt. Alle Häuser haben höchstens zwei Etagen. Manche scheinen etwas ins Wanken geraten zu sein. Hier ist mal ein Fenster schief, da eine Tür. „Die Fanø-Häuser haben kein Fundament“, sagt Mähler bei ihrer Dorfführung.

Die Insel der Seeleute

In Sønderhos erstaunlich großer Kirche aus dem späten 18. Jahrhundert hängen 15 Schiffsmodelle, die meisten von Seeleuten mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail gebaut. Vom alten Hafen am Ortsrand des Dorfes ist allerdings nichts mehr zu sehen, er ist versandet.

Auf Fanøs Westseite erstreckt sich der rund 15 Kilometer lange Strand - der Hauptgrund, warum die Insel bei Touristen so beliebt ist und warum Fanø das erste Kurbad Dänemarks hatte.

Fanø war in der dänischen Schifffahrtsgeschichte mal eine große Nummer: Die Insel hatte die zweitgrößte Flotte nach Kopenhagen und Sønderho fast dreimal so viele Einwohner wie heute. Schon damals war der „Sønderho Kro“ eine der ersten Adressen der Insel, eines der ältesten Gasthäuser Dänemarks, erbaut 1722.

Milchreis und Geborgenheit

Auch wenn es draußen schüttet, der Wind pfeift und es am frühen Abend längst stockdunkel ist, sitzen dort die Gäste in der Stube mit der tiefen Holzdecke und den holländischen Fliesen an den Wänden. Das Gefühl der Geborgenheit, das Wissen, dass als nächster Gang Milchreis serviert wird, wie das in Dänemark typisch für die Weihnachtszeit ist: Vielleicht ist das der Inbegriff von Hygge.

Nähen ist hyggelig

Lone Müller Sigaard sitzt in der Küche ihres hyggeligen Hauses, das vom Fähranleger nur fünf Minuten entfernt ist. Am Nachmittag hat sie genäht, eine Jacke, wie sie zur Tracht der Insel gehört. Sie hat schon eine, die ihrer Urgroßmutter gehört und eine von ihrer Mutter.

Nähen ist für Lone Müller Sigaard etwas Typisches für die kalte Jahreszeit. Um zu lernen, wie das geht, hat die Inselbewohnerin an einem Trachtennähkurs teilgenommen. „Die Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø, die hier nie ausgestorben sind. Ich mache auch für meine Tochter noch ein Kleid“, erzählt sie.

Heiraten auf Fanø

Vielleicht macht es auch die Insel gerade für viele Deutsche so attraktiv, dass manches, was anderswo nur Folklore ist, hier noch authentisch wirkt - auch wenn im Alltag keine Frauen mehr in Tracht rumlaufen. Lone Müller Sigaard stammt von der Insel, hat aber 18 Jahre lang in Valencia und Kopenhagen gewohnt. Inzwischen lebt sie davon, dass viele andere Fanø genauso hyggelig finden wie sie. Und mit ihrer Hilfe auf der Insel heiraten wollen.

Rund 500 Paare reisen jedes Jahr zur Hochzeit auf Fanø an, viele davon aus Deutschland. „Hochsaison dafür ist von Mai bis September - und dann im Dezember“, sagt Lone Müller Sigaard. Warum bloß? „Dezember ist der Hygge-Monat.“ Im Winter sei dieses Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit noch viel intensiver zu spüren. Dieses Zusammenrücken, wenn es draußen kalt und dunkel ist. Klingt einleuchtend: Wer braucht schon Hygge im Hochsommer?

Einsame Weite: Im Winter verirren sich nur weniger Urlauber nach Fanø - das macht den Reiz dieser Jahreszeit aus. Foto: Fanø Turistbureau/dpa-tmn

Einsame Weite: Im Winter verirren sich nur weniger Urlauber nach Fanø - das macht den Reiz dieser Jahreszeit aus. Foto: Fanø Turistbureau/dpa-tmn

Bei winterlicher Kälte lassen sich die Seehunde auf Fanø auf der Sandbank nicht so häufig blicken. Foto: Destination Sydvestjylland/dpa-tmn

Bei winterlicher Kälte lassen sich die Seehunde auf Fanø auf der Sandbank nicht so häufig blicken. Foto: Destination Sydvestjylland/dpa-tmn

Hafen im Nebel: Auf Fanø reicht die Sicht im Winter oft nur ein paar Meter weit. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Hafen im Nebel: Auf Fanø reicht die Sicht im Winter oft nur ein paar Meter weit. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Typisches Reetdachhaus auf Fanø: Manche der Häuser scheinen etwas ins Wanken geraten zu sein. Mal ist ein Fenster schief, mal eine Tür. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Typisches Reetdachhaus auf Fanø: Manche der Häuser scheinen etwas ins Wanken geraten zu sein. Mal ist ein Fenster schief, mal eine Tür. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Strick-Festival auf Fanø: Diese langsame Aktivität passt perfekt zu einem hyggeligen Wintertag. Foto: Red Star Photo/Destination Sydvestjylland/dpa-tmn

Strick-Festival auf Fanø: Diese langsame Aktivität passt perfekt zu einem hyggeligen Wintertag. Foto: Red Star Photo/Destination Sydvestjylland/dpa-tmn

Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø. Inselbewohnerin Lone Müller Sigaard nutzt die hyggelige Jahreszeit zum Nähen einer typischen Jacke. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø. Inselbewohnerin Lone Müller Sigaard nutzt die hyggelige Jahreszeit zum Nähen einer typischen Jacke. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Helen Mähle arbeitet als Guide auf Fanø und stammt aus der Nähe von Hamburg - heute wohnt sie in Sönderho im Süden der Insel. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Helen Mähle arbeitet als Guide auf Fanø und stammt aus der Nähe von Hamburg - heute wohnt sie in Sönderho im Süden der Insel. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Zum Themendienst-Bericht von Andreas Heimann vom 15. November 2019: Porzellanhunde im Fenster sind auf Fanø eine alte Tradition aus Zeiten der Seefahrt. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Zum Themendienst-Bericht von Andreas Heimann vom 15. November 2019: Porzellanhunde im Fenster sind auf Fanø eine alte Tradition aus Zeiten der Seefahrt. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Nicht nur im Winter hyggelig: das Gasthaus „Sonderho Kro“. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Nicht nur im Winter hyggelig: das Gasthaus „Sonderho Kro“. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Fanø ist eine kleine Insel vor der jütländischen Küste in Dänemark - und auch im Winter eine Reise wert. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendi/dpa

Fanø ist eine kleine Insel vor der jütländischen Küste in Dänemark - und auch im Winter eine Reise wert. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendi/dpa

Winterliche Landschaft auf Fanø - hier bläst der Wind auch mal kräftig von vorne. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn

Winterliche Landschaft auf Fanø - hier bläst der Wind auch mal kräftig von vorne. Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn