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02.12.2019, 13:00 Uhr

Wechsel beim Kunstverein Grafschaft Bentheim

Gudrun Thiessen-Schneider gibt die Leitung des Kunstvereins Grafschaft Bentheim ab.

Gudrun Thiessen-Schneider prägte über 20 Jahre die Kultur nicht nur in Neuenhaus. Mit 73 Jahren ist jetzt Schluss. Foto: Weßling

Gudrun Thiessen-Schneider prägte über 20 Jahre die Kultur nicht nur in Neuenhaus. Mit 73 Jahren ist jetzt Schluss. Foto: Weßling

Neuenhaus Ein Blick zurück in die 1970er Jahre: Die Kunst schafft es, die Gemüter der Grafschafter in Wallung zu versetzen. Vielleicht kann sich der ein oder Andere noch an das Kunstwerk „Findling“ von Timm Ulrichs beim Konzert- und Theatersaal in Nordhorn erinnern.

Der präzise nach den Körperformen des Künstlers ausgehöhlte Granitblock ist das Zeugnis einer aufsehenerregenden Performance. Zehn Stunden verbrachte Timm Ulrichs eingeschlossen und in absoluter Ruhestellung in diesem Stein. „Für begrenzte Zeit wurden Organisches und Anorganisches zur Einheit, dem Stein wurde Leben einverleibt, der Körper eingebettet in die Verhärtungen der Erdgeschichte“, heißt es in einer Beschreibung zum Projekt „kunstwegen“, in dem zahlreiche Kunstwerke im öffentlichen Raum dies- und jenseits der deutsch-niederländischen zusammengefasst worden sind.

Lebhaft wurde bei der Performance darüber diskutiert, ob das Gesehene wirklich Kunst sei. Verantwortlich für die Realisierung des Kunstwerks „Findling“ war Eckhart Schneider, von 1976 bis 1989 Leiter der Städtischen Galerie in Nordhorn.

Ihm zur Seite stand seine Frau Gudrun Thiessen-Schneider. Im Hintergrund engagierte sich die junge Kunstlehrerin bei den drei internationalen Bildhauer-Symposien Bentheimer Sandstein und beim Aufund Ausbau des Nordhorner Skulpturenweges. Aktionen wie ein Festmahl des Künstlers Nils-Udo auf seinem Kunstwerk „Der Turm“ in unmittelbarer Nähe des Klosters Frenswegen fanden nicht die ungeteilte Begeisterung der Bevölkerung. Auch hier stellte sich die Frage nach dem Kunstbegriff.

Schon früh musste sich Gudrun Thiessen-Schneider damit auseinandersetzen, dass sich vor allem an der modernen Kunst die Geister scheiden, insbesondere in der Provinz. Doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Auch gegen Widerstände setzte sie sich für die moderne Kunst ein, und tut das bis heute.

Ein entscheidendes Datum für sie wurde das Jahr 1994. Nach der Ära Schneider, der 1990 Leiter des Kunstvereins Hannover wurde, geriet die Städtische Galerie in eine Krise. Im Förderverein kam es zur Spaltung unter den Mitgliedern und es erfolgte die Neugründung des Kunstvereins Grafschaft Bentheim. Als Räumlichkeit dient bis heute das ehemalige Hotel „Neuenhauser Hof“ an der Hauptstraße in Neuenhaus. Maßgeblich beteiligt an der Gründung war Gudrun Thiessen-Schneider, die jetzt deutlich aus dem Schatten ihres inzwischen Ex-Mannes heraustrat. Sie schrieb ein Kuratorenkonzept und wurde 1995 die künstlerische Leiterin des neuen Vereins.

Gleich mit zwei Ausstellungen startete sie richtig durch: Cobra und Living Room. Der Name „Cobra“ ist aus den Anfangsbuchstaben der Städtenamen COpenhagen, BRüssel und Amsterdam zusammengesetzt. Die Künstlergruppe bestand während der Jahre 1948 bis 1951. Zielsetzung war es, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Kunst als Akt der Selbstbefreiung zur Bildung eines neuen Bewusstseins einzusetzen und den wiedererstarkten reaktionären Kräften die Utopie eines offenen Kunstbegriffes entgegenzusetzen. Wichtig war den Künstlern auch die Pflege internationaler Kontakte. Zur Zeit der Entstehung umstritten und vom Publikum weitestgehend abgelehnt, gehört Cobra heute zu den bedeutendsten Impulsgebern der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Führende Künstler der Gruppe wie Karel Appel (+ 2006) sind zu Weltruhm gekommen.

Das zweite Projekt des Kunstvereins galt dem Werk einer progressiven und einflussreichen Amsterdamer Galerie: The Living Room. Von der Galerie gingen während der Jahre ihres Bestehens von 1981 bis 1993 wichtige Impulse nicht nur für die niederländische Kunst aus.

Auch danach gelang es Gudrun Thiessen-Schneider immer wieder, trotz bescheidener Mittel, renommierte nationale und internationale Künstler nach Neuenhaus zu holen. Zu nennen sind unter anderem der Documenta-Teilnehmer Ulrich Meister, die renommierte Fotografin Barbara Klemm und der niederländische Künstler Henk Visch, der durch seine Edelstahlskulptur „Aus den Augen verloren“, die zum offenen Museum „kunstwegen“ gehört, in der Grafschaft Bentheim bekannt ist.

Neben der Präsentation überregionaler Künstler, die Positionen der Gegenwartskunst vertreten, sind auf Initiative von Gudrun Thiessen-Schneider noch weitere Formate wie Parallel im Alten Rathaus und das Atelier auf Zeit entstanden. Hier haben regionale Künstler ein Forum gefunden, sich der Öffentlichkeit vorzustellen. Weitere Tätigkeitsfelder waren die regionalisierte Kulturförderung der Emsländischen Landschaft für ein Künstlerstipendium sowie kunstpädagogische Projekte.

Nach 25 Jahren ist für Gudrun Thiessen-Schneider jetzt Schluss. Am kommenden Sonntag, 8. Dezember, endet zeitgleich mit der Ausstellung „Häng das auf und richte es aus“ der Künstlerin Yoana Tuzharova ihre Tätigkeit als Leiterin. Die Zukunft des Kunstvereins Grafschaft Bentheim ist mit einem Fünfjahres-Vertrag mit der Stadt Neuenhaus gesichert. Eine Nachfolgerin ist auch schon gefunden. Die circa 30-jährige Berlinerin wird noch offiziell vorgestellt. am

Nähere Informationen: www.kunstverein-grafschaft-bentheim.de