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06.07.2020, 15:57 Uhr

Vortrag beleuchtet Corona-Situation in den Niederlanden

DNHK-Geschäftsführer Günter Gülker berichtet Grafschafter Unternehmern in einer Videokonferenz von der Corona-Situation in den Niederlanden. Foto: Wirtschaftsvereinigung

DNHK-Geschäftsführer Günter Gülker berichtet Grafschafter Unternehmern in einer Videokonferenz von der Corona-Situation in den Niederlanden. Foto: Wirtschaftsvereinigung

Nordhorn/Den Haag Kaum eine Eigenschaft zeichnet die Niederländer mehr aus als ihr Pragmatismus, meint Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK). Und eben mit jener Einstellung, sich kurzfristig den Gegebenheiten anzupassen, sei das westliche Nachbarland vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen – wenngleich man auch dort einschneidende Folgen verzeichne. Einen Eindruck von der Situation in den Niederlanden, die für viele Grafschafter Betriebe aufgrund der Grenznähe eine wichtige Stellung einnehmen, vermittelte Gülker jüngst im Rahmen eines digitalen Erfahrungsaustauschs mit hiesigen Unternehmern – initiiert von der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim.

Das Timing des Gesprächs sei perfekt, betonte der Handelsexperte gleich zu Beginn: Wurde doch zum 1. Juli der Lockdown in den Niederlanden praktisch aufgehoben. Bis auf Diskotheken, die weiterhin geschlossen bleiben, seien die Beschränkungen aufgehoben worden und auch Großveranstaltungen könnten unter Einhaltung der 1,5-Meter-Abstandsregel wieder ausgerichtet werden. „Fast alles ist wieder beim Alten“, so Gülker, der seinerseits aus der Grafschaft stammt und nun in Den Haag lebt.

Dennoch habe das 17-Millionen-Einwohner-Land – übrigens Deutschlands zweitstärkster Handelspartner nach China – dreieinhalb intensive Monate erlebt. Bis heute wurden 50.000 Corona-Infektionen registriert, 6100 Menschen sind nach der Ansteckung mit dem Virus verstorben, was 350 Tote pro einer Million Einwohner entspricht, berichtet Günter Gülker: In Deutschland liege dieser Wert angesichts der knapp 200.000 Infektionen und rund 9000 Toten zwar lediglich bei 100, in Belgien aber bei 850. Große Sorgen habe man sich um die Belegung der Intensivbetten gemacht, von welchen es in den Niederlanden zu Beginn der Pandemie lediglich 1150 gegeben habe. Inzwischen ist die Anzahl auf 1700 aufgestockt worden; zeitweise wurden auch niederländische Patienten in deutschen Krankenhäusern behandelt, was in den Niederlanden überaus wohlwollend und dankbar zur Kenntnis genommen wurde, sagte Gülker.

Mit Blick auf die Wirtschaft erwarte man in den Niederlanden einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um sechs bis sieben Prozent, die Arbeitslosenzahl wird wohl von drei auf fünf Prozent bis zum Ende des Jahres steigen. Im Sinne eines „intelligenten Lockdowns“ haben große Teile der Industrie während der Krise weiterproduzieren können, da auch sie als „vitale Bereiche“ definiert wurden. Der Bausektor blieb aufgrund von bestehenden hohen Auftragsbeständen weitgehend verschont, wobei dieses Berufsfeld – abseits von Corona – mit einem allgemeinen Stopp von neuen Großbauprojekten zu kämpfen hat, der zur Reduzierung der Stickstoffwerte verhängt wurde. Nachfrageeinbrüche habe es etwa in der Automotive-Branche gegeben, was zahlreiche niederländische Zulieferfirmen betraf. Die Regierung hat ein Hilfsprogramm aufgesetzt und jedem Betrieb einen Lohnkostenzuschuss gewährt, sobald die Umsatzeinbußen bei mehr als 20 Prozent liegen. Hierfür wurden mehr als 23 Milliarden Euro bereitgestellt.

Aktuell erlebe die Regierung um Ministerpräsident Mark Rutte eine nie dagewesene Zustimmung: Seine „Volkspartij voor Vrijheid en Democratie“ erreiche in Umfragen rund 30 Prozent – bei 14 im Parlament vertretenen Parteien, die allesamt bei unter zehn Prozent landen, ein sensationeller Wert, gerade angesichts der anstehenden Wahlen im kommenden Frühjahr. Bis zu sieben Millionen Menschen hätten die wöchentlichen Pressekonferenzen des Regierungschefs verfolgt – also mehr Zuschauer als bei der Krönung von Willem-Alexander und Maxima.

Erleichtert zeigte sich Günter Gülker darüber, dass die deutsch-niederländische Grenze nie geschlossen wurde. Insbesondere die NRW-Landesregierung habe sich dafür eingesetzt. „Bei einem jährlichen Umschlag von 15 Millionen Containern am Rotterdamer Hafen wären die Folgen einer Grenzschließung für den Güterverkehr nicht auszudenken gewesen“, so der DNHK-Geschäftsführer. Er zeigte sich darüber hinaus zuversichtlich, dass die Niederlande auch dem „Merkel-Macron-Plan“ zustimmen werden, der Zuschüsse für südliche EU-Staaten zur Bewältigung der Corona-Folgen vorsieht. Aktuell gehören die Niederlande neben Österreich, Schweden und Dänemark zu den vier Ländern, die den Wiederaufbaupakt in dieser Form ablehnen. Da aber innerhalb des Landes bereits der Sparkurs beendet und die Schwarze Null aufgegeben wurde, könne sich diese Haltung auf den europäischen Kontext übertragen.

Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung, sowie die zugeschalteten Unternehmer verfolgten die Ausführungen mit großem Interesse. „Die Niederlande haben nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch im persönlichen Austausch eine große Bedeutung für die Grafschaft“, sagte Lübbert. Es lohne sich daher stets, einen „Blick über die Grenze“ zu werfen.

Der moderierte Erfahrungsaustausch fügte sich ein in eine Reihe digitaler Angebote, die den Mitgliedern der Wirtschaftsvereinigung direkte Information im Zuge der Corona-Krise ermöglichen soll.

Ems-Vechte