01.10.2021, 16:40 Uhr

Viele Suizid-Anrufe bei der Telefonseelsorge

Der neue Vorstand bei der Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim besteht aus (von links) Dr. Christoph Hutter (Leiter des EFLE Referates im Bistum Osnabrück), Gerhard Gels (Beisitzer), Ludger Plogmann (Geschäftsführer), Hermann Niemann (Vorsitzender), Maria Hillmann (stellvertretende Vorsitzende) sowie der-lutherische Pastor Jürgen Kuhlmann. Zudem gehört auch Marina Röttger als Beisitzerin dem Gremium an. Foto: Hillmann

Der neue Vorstand bei der Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim besteht aus (von links) Dr. Christoph Hutter (Leiter des EFLE Referates im Bistum Osnabrück), Gerhard Gels (Beisitzer), Ludger Plogmann (Geschäftsführer), Hermann Niemann (Vorsitzender), Maria Hillmann (stellvertretende Vorsitzende) sowie der-lutherische Pastor Jürgen Kuhlmann. Zudem gehört auch Marina Röttger als Beisitzerin dem Gremium an. Foto: Hillmann

Meppen Weiterhin gefragt ist die Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim. Fast 7000 Anrufe verzeichnete der Verein 2020. Häufig ging es dabei um Suizidgedanken. Deshalb möchte der Verein das Angebot ausweiten und die sozialen Netzwerke nutzen.

„Die Nachfrage ist ungebrochen“, sagt Hermann Niemann. Der Meppener ist Vorsitzender der Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim. Sorgenvoll blickt er auf die Statistik der vergangenen Jahre. „Vor allem die Corona-Krise haben die Menschen sehr beschäftigt“, weiß Niemann. So verzeichnete die Telefonseelsorge im April und Mai 2020 plötzlich einen starken Anstieg an Anrufern. „Ängste und Sorgen machten sich breit, niemand wusste, was da auf uns zukam“, erklärt der langjährige Vorsitzende. Doch auch weit über ein Jahr später, geprägt von langen Lockdowns, Diskussionen über eine Impfung sowie 2-G-Regelungen sind die Menschen weiterhin besorgt.

Nicht ohne Grund ist der Themenbereich „Soziales Netz“, zu dem die Telefonseelsorge Partnerschaft, Familie, Trennung und Einsamkeit zählt, an die Spitze der Anrufthemen gezogen. Vorbei am Bereich „Körperliches und seelisches Befinden“, zu denen auch Depressionen und Ängste gehören. „Beides lässt sich auf Veränderungen durch das Corona-Virus zurückführen“, ist sich Niemann sicher. Zugenommen hätten jedoch Gespräche, bei denen es um Suizid geht. Niemann ist deshalb jedem einzelnen Telefonseelsorger dankbar für dessen Arbeit. 71 Ehrenamtliche sorgen in der Region dafür, dass Hilfesuchende sich jederzeit bei der Telefonseelsorge melden können.

Genau 6983 seelsorgerische Gespräche wurden 2020 geführt, dabei über 5045 Stunden telefoniert, im Schnitt dauert ein Gespräch etwa 24 Minuten. „Ein hoher Aufwand, der sich lohnt“, ist sich Niemann sicher. Die Zahl an Anrufern zeige ihm, wie wichtig das anonyme telefonische Angebot ist. Viele Anrufer würden die Gesprächsmöglichkeit wiederholt nutzen, ihre Sorgen und Nöte mit den Telefonseelsorgern teilen, darüber sprechen und auch so sich damit beschäftigen. Ein erster Schritt, um Hilfe zu bekommen, wie Niemann meint. So etwa, wenn es um Grundthemen wie Angst und Einsamkeit geht. „Die hat es auch vor Corona gegeben, sind aber nun in ein neues Kleid gesteckt worden“, ist sich Niemann sicher. Die Vielzahl an Anrufern beschäftigt auch ihn. Immerhin muss eine große Zahl an Ehrenamtlichen vorgehalten werden, die ihren Dienst am Telefon tun.

Deshalb freut sich der Vorsitzende derzeit über eine Vielzahl an neuen Interessenten. Rund 40 Emsländer und Grafschafter hatten sich kürzlich gemeldet und wollen demnächst für Menschen in Notsituationen da sein und ihnen zuhören.

Doch vorher werden sie intensiv in einem Kurs ausgebildet. Dieser kostet Geld. Viel Geld sogar. Und das in Zeiten, wo die Mittel knapp werden. Sachausgaben, Ausbildung und Supervision werden zum Teil durch Zuschüsse der beiden großen christlichen Kirchen, sowie durch den Landkreis Emsland und die Stadt Meppen gedeckt. Ohne Mitgliedsbeiträge und Spenden ist der jährliche Haushalt jedoch nicht auszugleichen. Besondere Veranstaltungen werden deshalb regelmäßig durchgeführt, die für Einnahmen sorgen. Doch das traditionelle Weihnachtskonzert fiel aus, das Sommerfest dem Lockdown ebenso zum Opfer, nicht zu vergessen die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Einrichtung im vergangenen Jahr. „Die Einnahmen hätten wir gut gebrauchen können“, sagt Niemann. Doch trotz allem möchte er den Ausbildungskurs durchführen. „Er ist wichtig für die Ehrenamtlichen.“

Ebenso wichtig ist dem Vorsitzenden die Supervision. In Gruppen sprechen die Ehrenamtlichen dabei über Erlebtes in den Telefonaten. Sie sollen nicht allein gelassen werden. „Ein wichtiges Medium der Verarbeitung“, wie Niemann findet. Das sollen auch die vielen Interessenten kennenlernen. Und noch etwas Anderes. Denn die Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim möchte prüfen, ob zukünftig auch gechattet werden kann. „Wir spüren durchaus die Nachfrage bei jüngeren Anrufern, sie fühlen sich im Chat sicherer als im Telefonat“, spielt Niemann auf soziale Netzwerke an. Dabei verweist er etwa auf die Hospiz-Hilfe, die mittlerweile ebenso eine Chat-Funktion auf ihrer Homepage eingerichtet hat. Hier hofft er auf viele neue Ehrenamtliche, die sich auch mit diesem Medium beschäftigen.

Mit dem Verein selber beschäftigt sich derweil ein fast komplett neuer Vorstand. Neben der Wiederwahl des langjährigen Vorsitzenden Hermann Niemann wählten die Mitglieder Maria Hillmann zu seiner Stellvertreterin. Als Beisitzer fungieren nun der lutherische Pastor Jürgen Kuhlmann, Gerhard Gels und Marina Röttger. Weil die Telefonseelsorge ein selbstständiger Verein in katholischer Trägerschaft und Mitglied im Diözesancaritasverband Osnabrück ist, gehört mit Dr. Christoph Hutter eine vom Bischof Franz-Josef Bode beauftragte Person zum Gremium. Geschäftsführer Ludger Plogmann dankte auf der Mitgliederversammlung unterdessen allen bisherigen Vorstandsmitgliedern für die langjährige ehrenamtliche Arbeit und übergab jeweils einen Blumenstrauß. Dabei verwies er auf die Entwicklung der 1995 gegründeten Telefonseelsorge. „Auch dank Ihres hohen ehrenamtlichen Engagements können wir heute vielen Menschen Hilfe in Notsituationen bieten“, dankte er allen.

Die Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim ist anonym und kostenfrei unter den Rufnummern 116123, 0800 1110111 oder unter Telefon 0800 1110222 sowie auf www.telefonseelsorge-emsland.de zu erreichen.

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