29.01.2020, 09:30 Uhr

Uelser gedenken Opfer des Nationalsozialismus

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gedachten am Montagabend bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung der Gemeinde Uelsen rund 60 Bürgerinnen und Bürger der Opfer des Nationalsozialismus.

Sie waren für  die Veranstaltung verantwortlich, von links Gemeindedirektor Hajo Bosch, Bürgermeister Wilfried Segger, das Duo NIZH und Pastor Christoph Wiarda. Foto: Gemeinde Uelsen

Sie waren für die Veranstaltung verantwortlich, von links Gemeindedirektor Hajo Bosch, Bürgermeister Wilfried Segger, das Duo NIZH und Pastor Christoph Wiarda. Foto: Gemeinde Uelsen

Uelsens Bürgermeister Wilfried Segger erinnerte in seinen Ausführungen an die Schrecken der Verfolgung und Vernichtung durch die menschenverachtende Rassenideologie der Nationalsozialisten und rief die letzten Tage im KZ Auschwitz-Birkenau noch einmal in Erinnerung. Durch einen Kurzfilm mit einem Beitrag von Erna de Vries wurden diese Geschehnisse in ihrer eigenen bedrückenden Art noch fassbarer. Gerade in der heutigen Zeit, in der jüdische Einrichtungen polizeilich geschützt werden müssen, jüdische Kinder angegriffen würden und der Holocaust von einigen Menschen geleugnet werde, sei das Wachhalten der Erinnerung an diese Zeit elementar wichtig. Solche Tendenzen dürfe kein Platz gelassen werden und müssten im Ansatz eingedämmt werden.

Christoph Wiarda, Pastor der reformierten Kirchengemeinde Uelsen, begann seine Rede mit der Feststellung, dass Auschwitz zum Sinnbild für das Ganze des Holocaust geworden sei. Diese Verengung des Blickwinkels könne seiner Meinung nach aber auch problematisch sein. Zum ersten berge es die Gefahr in sich, Leute könnten deswegen neu behaupten, der Holocaust sei weitgehend im Verborgenen geschehen. Schon kurz nach Ende des Krieges legten sich viele Deutsche die Ausrede zurecht, man habe von dem großen Morden ja gar nichts gewusst. Selbst wenn sie vielleicht von dem Geschehen hinter den Zäunen der Vernichtungslager im besetzten Polen nichts mit bekommen haben, so haben dennoch Millionen Soldaten an der Ostfront von den Massenerschießungen an den Todesgruben gewusst. Nicht wenige von ihnen waren an den Aktionen sogar beteiligt. An solchen frei zugänglichen Orten sind weitaus mehr Juden ermordet worden als in Auschwitz und den anderen Lagern. Das behauptete Nicht-Wissen sei also eher ein Nicht-Wissen-Wollen gewesen.

Der Blick auf das unpersönliche Töten in der Mordfabrik Auschwitz hätte Menschen außerdem dazu verleitet, ihre persönliche Schuld an dem Geschehen kleinzureden, , führte Wiarda in einem zweiten Punkt aus, Man sei ja nur ein ganz kleines Rädchen im System gewesen. Sogar der Chef-Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, argumentiert so bei seinem Prozess 1961 in Jerusalem. Deutsche Gerichte haben erst 2011 zum ersten Mal geurteilt, dass jede Mitarbeit in den Vernichtungslagern als Beihilfe zum Mord zu werten ist.

In einem dritten Punkt fragte Wiarda nach dem wirkungsvollsten Einsatz für ein „Nie wieder!“ Zu dem mutigen Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus, der sich heute übrigens gerne auch als Israelkritik tarne, müsse auch der Einsatz für einen intakten demokratischen Staat stehen. So ein funktionierender Staat ist eine der wichtigsten Bedingungen dafür, dass Menschen menschlich handeln. Auch dies erläuterte Wiarda mit einem Blick zurück. Die Staatszerstörung durch die Nazis, beginnend in Deutschland ab 1933, vor allem aber im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa, sei ein kaum zu unterschätzender Faktor dafür gewesen, dass das Morden außerhalb der Lager solch unvorstellbaren Ausmaße annahm. Es sei daher Allem, was von Links oder Rechts auf eine Schwächung des Staates abziele, beherzt entgegenzutreten. Ein kleines Element davon könne zum Beispiel auch sein, mit dem ständigen Schlechtreden der Arbeit gewählter Politiker aufzuhören. Mit klassischer Klezmermusik und Stücken von ehemaligen Gefangenen des Konzentrationslagers, die teilweise auf jiddisch vorgetragen wurden, umrahmte das Duo NIHZ eindrucksvoll die Gedenkstunde.