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14.09.2020, 10:46 Uhr

Tierpark Nordhorn: Zuchtprojekt für bedrohte Nutztierrassen

Ein Bentheimer Schwein auf der Vechtewiese. Foto: Frieling

Ein Bentheimer Schwein auf der Vechtewiese. Foto: Frieling

Nordhorn Die Mitglieder des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) bündeln künftig ihre Kräfte, um einheimische Rinder, Ziegen und Schweine vor dem Aussterben zu bewahren. „Viele Menschen denken beim Artenschutz zuerst an Wildtiere, dabei sind auch 64 Prozent aller einheimischen Haustierrassen gefährdet“, sagt Andreas M. Casdorff, Vorstandsmitglied des Zooverbandes und Geschäftsführer des Erlebnis-Zoos Hannover und fragt: „Und wenn wir Zoos mit unserem wertvollen Tierbestand und unserer Expertise nicht dazu prädestiniert sind, das Verschwinden dieser biologischen Vielfalt aufzuhalten, wer dann?“

Beim vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten Projekt soll die wissenschaftliche Erhaltungszucht optimiert, die bedrohten Tiere stärker als bisher nachgezüchtet werden. Außerdem soll das Thema des Aussterbens einheimischer Nutztiere fest in den Unterrichtsangeboten der Zooschulen verankert und ein jährliches Fachsymposium etabliert werden. Mit Agrarwissenschaftlerin Dr. Julia Drews wurde eigens eine verantwortliche Projektkoordinatorin eingestellt. Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt.

Tierpark Nordhorn sieht Vorreiterrolle

Im Zoo Hannover werden seit dem vergangenen Jahr auch Bunte Bentheimer Schweine gehalten. Die Schweine stammen aus dem Tierpark Nordhorn, der sich der Zucht dieser alten und bedrohten Nutztierrasse verschrieben hat und 2003 den „Verein zur Erhaltung der Bunten Bentheimer Schweine“ gegründet hat, um der fast ausgestorbenen Schweinerasse eine neue Zukunft zu geben. „Tatsächlich wurden in den 1990er-Jahren die letzten Tiere nur noch von einem einzigen Züchter gehalten. Als von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) anerkannter Archepark widmet sich der Tierpark Nordhorn wie kaum ein anderer Zoo dem Erhalt bedrohter Haustiere. Artenschutz fängt vor unserer Haustür an“, sagt Zoodirektor Dr. Nils Kramer, der das nun gestartete Projekt des Zooverbandes begrüßt, „da es den Wert der Arterhaltung dieser heimischen Tierarten endlich hervorhebt und eine gemeinsame Stoßrichtung entwickelt werden kann“, so der Tierparkleiter. „Der Tierpark Nordhorn ist stolz, dass er in der Erhaltungszucht bedrohter Haustierrassen eine anerkannte Vorreiterrolle in der Zoowelt einnimmt und eine einzigartige Verbindung aus Erhaltungszucht, dem Aufzeigen von Nutzungswegen für Haustierrassen und dem praktischen Naturschutz in über 170 Hektar schützenswerter Naturräume einnimmt“, führt Kramer weiter aus.

Vorteile alter Nutztierrassen

Warum die Bewahrung alter Nutztierrassen wichtig ist, erklärt Professor Dr. Dr Kai Frölich, Direktor Tierpark Arche Warder, einem Zentrum für alte Haus- und Nutztierrassen: „Alte Nutztierrassen sind genügsam, wetterhart und haben eine bessere Immunabwehr als klassische Hochleistungsrassen. Deswegen sind sie in der Lage, bei der extensiven Weidehaltung, also einer nachhaltigen und schonenden Form der Bewirtschaftung, eine Schlüsselposition einzunehmen.“ Frölich zufolge sind sich fast alle Experten einig, dass eine Transformation der derzeitigen Produktionsverfahren in der Landwirtschaft notwendig ist. „Nur wie diese verlaufen soll und in welcher Geschwindigkeit sie vollzogen werden muss, wird kontrovers diskutiert“, so der Fachmann. „Die Nutzung alter Rassen auf Teilflächen kann dabei durch extensive Bewirtschaftung zum Erhalt der Biodiversität und Ökosystemleistung beitragen. Unsere alten Rassen sind an bestimmte Standorte angepasst und somit auch kulturhistorisches Erbe ihrer jeweiligen Region. Diese robusten Tiere durchgängig auf extensiv genutzten Weiden zu halten ist sinnvoll, da sie auch mit energiearmen Futter zurechtkommen und somit zur nachhaltigen Pflege von Kulturlandschaften beitragen. Letztlich sind die alten Rassen auch eine Antwort auf künftige Herausforderungen: Durch ihre größere genetische Variabilität können sie besser auf Veränderungen in puncto Klima oder Produktion reagieren“, erklärt Frölich.

„Erhalten durch Aufessen“

„Was nun langsam über die Verbandsarbeit in allen renommierten Zoos und Tierparks ankommt, ist im Familienzoo in der Grafschaft Bentheim bereits seit vielen Jahre gelebte Tradition. Bei uns im Park ist `Erhalten durch Aufessen´ schon lange ein Thema, denn was auf den ersten flüchtigen Blick dem einen oder anderen widersprüchlich erscheinen mag, ist bei differenzierter Betrachtung in einer immer bedrängteren Umwelt die einzige Chance bestimmter bedrohter Arten auf ein dauerhaftes Überleben. Dabei ist ,Erhalten durch Aufessen‘ natürlich nur ein Aspekt des allgemeiner gefassten Grundsatzes ,Erhalten durch Nutzen‘, so der Nordhorner Zoodirektor Kramer.

Eine Schlüsselstellung nimmt im Tierpark Nordhorn das Bunte Bentheimer Landschwein ein. „Dieses ganz besondere Schwein wurde in Nordwestdeutschland gezüchtet und als eigene Rasse definiert. Über Jahre war es begehrter Fleisch- und Energielieferant. Mit dem geänderten Verbraucherverhalten nach dem Krieg begann der Niedergang dieser Art, andere Schweinerassen waren in den sich ändernden Haltungsformen wirtschaftlicher zu halten. Auch war ein hoher Fettanteil im Fleisch nicht mehr gefragt. Die Schweine verschwanden in der Zeit des Wirtschaftswunders recht schnell von den Höfen und standen kurz vor dem Aussterben. Auf dem Hof Schulte-Bernd in Isterberg lebten in den 1990ern die letzten Tiere dieser Rasse. Heute gibt es dank eines vielfältigen Einsatzes wieder eine stabile Zuchtbasis von rund 400 Herdbuchsauen“, erzählt Kramer.

Mit der Einrichtung des Vechtehofes bot sich laut Kramer eine ganz neue Perspektive für die Bentheimer Schweine. „Dabei war das Konzept des Tierparks von Anfang an nicht nur auf die reine Tierpräsentation ausgelegt. Natürlich sollte den Besuchern die regionale Schweinerasse nähergebracht werden, aber um die Arterhaltung wirklich zu unterstützen, mussten mehr als nur ein paar ,Schau‘-Schweine gehalten werden. Der Nutzen bei Schweinen liegt auf der Hand – Aufessen. Durch diese Nutzung ergibt sich ein Bedarf an Nachzuchten, wodurch sich die Zahl gehaltener und gezüchteter Schweine und damit auch die genetische Vielfalt erhöht“, berichtet der Tierparkleiter.

Beispiel für andere Tierarten

Für den Tierpark Nordhorn bot es sich Kramer zufolge an, die zooeigene Gastronomie mit in die Verwertungskette zu integrieren. Zusammen mit regionalen Fleischern wurde das „Flaggschiff“ der Vermarktung, die Bratwurst vom Bunten Bentheimer kreiert. „In den ersten Jahren wurde der ganz überwiegende Teil des Umsatzes im Konzept nur mit diesem Produkt gemacht. Der Bedarf war so groß, dass der Tierpark von verschiedenen Haltern Bentheimer Schweine zukaufen musste“, so Kramer. Zunehmend konnte die regionale Vermarktung auch auf andere Tierarten wie das Bentheimer Landschaf und das Hutewaldrind ausgeweitet werden. „Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass die Vermarktung dieser hochwertigen regionalen Produkte höhere Produktionskosten und damit zwangsläufig auch einen höheren Endpreis für den Kunden hat. Schlussendlich wird der Besucher im Tierpark Nordhorn von den kleinen Ferkeln im Ferkelstreichelzoo bis zum leckeren Burger in der zooeigenen Gastronomie für den Erhalt der Bunten Bentheimer Schweine begeistert. Eine echte Win-win-Situation“, findet Kramer.

Die Ferkel genießen ihren Auslauf im Streichelzoo. Foto: Frieling

Die Ferkel genießen ihren Auslauf im Streichelzoo. Foto: Frieling

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