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17.07.2019, 00:02 Uhr

Sympathisanten - Unser deutscher Herbst

Persönlicher Blick auf eine bewegte Zeit: Felix Moeller schildert in seinem Film über die „Sympathisanten“ der RAF auch einen Teil seiner Familiengeschichte.

Sympathisanten - Unser deutscher Herbst

Felix Moeller hat seine Mutter, die Filmemacherin Margarethe von Trotta, zum Thema „deutscher Herbst“ interviewt. Foto: Tobias Hase

Von Esteban Engel, dpa

dpa Berlin Ein Sohn interviewt seine Mutter: Was sie von der Roten Armee Fraktion (RAF) gehalten habe, will Felix Moeller von Margarethe von Trotta wissen.

Die Filmregisseurin hält inne. Dann sagt sie: Vielleicht sei man damals etwas blauäugig gewesen, habe nicht mit eigenem Kopf gedacht, sei Utopien nachgegangen, die zum Terror führten. Die Beichte kommt am Ende von Felix Moellers Dokumentation „Sympathisanten - Unser deutscher Herbst“, die an diesem Mittwoch im Ersten Programm (22.45 Uhr) läuft. Der Historiker und Filmemacher schließt damit auch ein Kapitel seiner Familienchronik.

In ihrer Pariser Wohnung blättern Moeller und Trotta zu Beginn in alten Tagebüchern. Besuche, Begegnungen, politische Gedanken. Wie konnte es dazu kommen, will Moeller wissen, dass seine Mutter und sein Stiefvater, der Regisseur Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“), und andere Zeitgenossen als Sympathisanten der Untergrundkämpfer um Andreas Baader und Ulrike Meinhof abgestempelt wurden? War da was dran?

Die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Interviewpartner, die Moeller vor die Kamera holt, etwa den Schriftsteller Peter Schneider, den Sänger und Schauspieler Marius Müller-Westernhagen oder den einstigen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit.

Ein gewisses Verständnis, so berichten sie, erkläre sich aus dem gesellschaftlichen Klima in der „bleiernen Zeit“ der 70er Jahre. Nach der Studentenrevolte von 1968 hatte sich ein Teil der Linken radikalisiert. Nach dem Vorbild lateinamerikanischer Guerilla-Kämpfer wollte die RAF die Revolution nach Deutschland tragen. Auf ihr Konto gingen Anschläge, Entführungen und Morde.

Das böse Wort von den „geistigen Brandstiftern“ machte damals die Runde. Kanzler Helmut Schmidt, der nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer den Forderungen der RAF nicht nachgab, und die Boulevardpresse zogen gegen die „Sympathisanten von Mördern“ zu Felde. Schmidt wird das später bereuen. Unter jungen Leuten und Intellektuellen herrscht eine zuweilen „klammheimliche Freude“ über die RAF und ihre Aktionen.

Öffentlich empörten sich Schlöndorff, von Trotta und die anderen damals vor allem über die Wucht, mit der der Staat gegen die RAF, ihre Helfer und auch jene vorgeht, die unverschuldet in das Visier der Ermittler gerieten. René Böll, Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll, sagt, damals habe ein „Klima der Denunziation“ geherrscht. „Keine Nuancierung scheint möglich. Lynchstimmung“, schrieb von Trotta im Oktober 1977 in ihr Tagebuch.

Schlöndorff und von Trotta setzen sich über die „Rote Hilfe“ für die RAF-Gefangenen ein und gegen die „Isolationsfolter“ der Einzelhaft. In der Verfilmung von Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wollen sie zeigen, wie sich der Staat im Antiterror-Kampf die bundesdeutsche Demokratie aushöhlt. Als Kind erlebt Moeller den Kulturkampf aus nächster Nähe. Irgendwann, erinnert er sich, habe eine Antiterror-Einheit der italienischen Polizei vor dem Haus seiner Eltern in der Toskana gestanden.

Peter Schneider („Der Mauerspringer“) berichtet davon, wie er in Situationen geraten sei, seinen Pass ausleihen oder sein Auto an Unbekannte abgeben zu sollen. In den linken Kreisen sei der Gruppendruck, den Leuten im Untergrund logistische Hilfe zu geben, groß gewesen. Man habe sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, feige zu sein.

Der als Familiengeschichte angelegte Film gibt einen guten Eindruck des politisch aufgeheizten Klimas jener Jahre. Die Erklärungen für die Sympathien für die RAF bleiben aber Bruchstücke. „Dass man sich im Leben irren kann, gehört eben dazu“, wie von Trotta ihrem Sohn gesteht, ist als Erkenntnis ein bisschen zu wenig.