26.09.2022, 14:48 Uhr

Schmerzmittel: Riskanter Konsum bei Jugendlichen

Die Mitarbeiter der Fachambulanz stellten den Jahresbericht vor. Foto: privat

Die Mitarbeiter der Fachambulanz stellten den Jahresbericht vor. Foto: privat

Das Thema Prävention bildet neben Beratung und Rehabilitation eine der drei Säulen der Ökumenischen Fachambulanz Sucht (ÖFaS) – und wird entsprechend großgeschrieben: So ist die ÖFaS, die gemeinsam vom hiesigen Ev.-luth. und Ev.-ref. Diakonischen Werk sowie dem Caritasverband für den Landkreis Grafschaft Bentheim getragen wird, bereits seit 2013 mit dem Projekt „Rauschfreie Schule“ unterwegs, um Jugendliche über die Gefahren übermäßigen Alkoholkonsums aufzuklären. Mittlerweile sind nahezu alle weiterführenden Schulen in Nordhorn und der Grafschaft an Bord und binden das Projekt Jahr für Jahr in ihren Lehrplan ein. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde das Konzept für die digitale Ausführung umgestaltet, berichtet die ÖFaS in ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht 2021.

Wenngleich der Alkohol bei der „Rauschfreien Schule“ im Vordergrund steht, kommen auch andere Suchtmittel zur Sprache. „Während das Zigarettenrauchen in den vergangenen neun Jahren stark abgenommen hat, bereitet uns heute die leichtfertige Einnahme von Schmerzmitteln zunehmend Sorge“, berichtet Sandra Mennemann, therapeutisch-pädagogische Leiterin der ÖFaS. „Da werden zum Teil verschreibungspflichtige Ibuprofen-800-Tabletten unbedacht eingenommen, ohne die Kenntnis von genauen Wirkweisen, Dosierung und Nebenwirkungen“, bringt es die Expertin auf den Punkt. Die Erkenntnisse wurden durch die Auswertungen der Präventionsmaßnahmen gewonnen. Oft wüssten die Jugendlichen genau, wo in der Wohnung die Medikamente zu finden sind, und müssten nicht einmal die Eltern fragen. „Die Verfügbarkeit und Bedenkenlosigkeit kann zu schneller und somit verfrühter Einnahme von hoch dosierten Medikamenten verführen. Daraus kann die Erwartung entstehen, jegliche Probleme und „Wehwehchen“ mit einem bestimmten Mittel zu behandeln. So eine Haltung darf sich nicht etablieren – sonst besteht die Gefahr, dass mit der Zeit immer stärkere Medikamente oder sogar andere Suchtmittel eingenommen werden“, sagt Sozialarbeiterin und Co-Therapeutin Janna Oskamp, die dem ÖFaS-Team seit Anfang 2021 angehört.

In puncto Alkohol gibt es allerdings auch positive Nachrichten zu vermelden: Unter den Schülerinnen und Schülern steige die Zahl derer, die noch nicht trinken wollen und den Konsum bewusst hinauszögern: „Damit ist schon einmal viel gewonnen“, sagt Sandra Mennemann, und ihre Kollegin Janna Oskamp fügt hinzu: „Ich habe den Eindruck, dass es unter den Jugendlichen heute akzeptierter ist, wenn man nicht trinkt.“ Völlige Entwarnung kann aber nicht gegeben werden: Nach Einschätzung von ÖFaS-Sozialarbeiter und Suchttherapeut Holger Terhorst sei es noch immer – gerade unter den Jungen – verbreitet, sich über den Alkohol zu definieren. Bei den Mädchen geschehe dies eher über die sozialen Medien. „Die Jungs interessiert es hingegen nicht so sehr, wie viele Likes ein Post bei TikTok oder Instagram bekommt“, sagt Terhorst.

Das Projekt „Rauschfreie Schule“ kann den Alkoholkonsum nicht gänzlich verhindern, aber ein Bewusstsein für die Risiken schaffen und damit insbesondere dem „Komasaufen“ vorbeugen. 2021 mussten die Mitarbeitenden der ÖFaS insgesamt zehn sogenannte Sofortinterventionen im Rahmen des Projektes „HaLT – Hart am Limit“ vornehmen. Dies sind Gespräche, die mit Jugendlichen geführt werden, die hinsichtlich ihres Alkohol- oder Cannabiskonsums aufgefallen sind – zum Beispiel, weil sie mit einer Alkoholvergiftung in die Euregio-Klinik eingeliefert wurden. Die Betroffenen werden entweder direkt von der Klinik an die ÖFaS vermittelt oder sie selbst bzw. deren Eltern wenden sich an die Fachambulanz. Von den zehn Interventionen in 2021 entfiel ein Fall auf die Altersgruppe 10 bis 14 Jahre, die übrigen neun Fälle auf die Altersgruppe 15 bis 17 Jahre. Hier waren die Klienten allerdings in sieben von zehn Fällen weiblich.

Aber auch abseits der Prävention gab es in der jüngeren Vergangenheit viel zu tun für die ÖFaS, die ihren Sitz im COMPASS Diakonie Caritas Haus an der NINO-Allee 4 in Nordhorn hat. Ein großes Anliegen war es dem Team dabei vor allem, trotz der Corona-Einschränkungen die Hilfsangebote so gut es geht aufrecht zu erhalten. „2020 konnten sich hier für zehn Wochen keine Gruppen treffen, dann haben wir die Zusammenkünfte unter hohen Hygieneregeln wieder ermöglicht“, erinnert sich Sandra Mennemann. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Fachambulanz für viele Suchtbetroffene der einzige Sozialkontakt ist, sei dies von großer Bedeutung gewesen. ÖFaS-Geschäftsführer Hermann Josef Quaing betont: „Uns war deshalb wichtig, klar zu signalisieren: Wir sind da!“

Der vollständige Jahresbericht ist auf der Webseite www.compass-grafschaft.de/oefas zu finden.