29.10.2020, 12:51 Uhr

Regionale Ausbildungsmarktakteure legen Bilanz 2019/2020 vor

Auch im Handwerk sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie spürbar. Viele Ausbildungsverträge sind erst nach dem regulären Start am 1. August geschlossen worden. Foto: dpa

Auch im Handwerk sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie spürbar. Viele Ausbildungsverträge sind erst nach dem regulären Start am 1. August geschlossen worden. Foto: dpa

Nordhorn Am 30. September ist das Berufsausbildungsjahr 2019/2020 zu Ende gegangen. Zusammen mit den Ausbildungsmarktpartnern der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer, dem Grafschafter Jobcenter und dem Jobcenter Emsland bilanziert die Agentur für Arbeit Nordhorn die Situation auf dem Ausbildungsmarkt und sieht geringere Auswirkungen der Corona-Pandemie als befürchtet.

Agentur für Arbeit Nordhorn

Im Ausbildungsjahr 2019/2020 konnten nach Informationen der Arbeitsagentur Nordhorn nahezu alle Lehrstellensuchenden eine Berufsausbildung beginnen. Lediglich 28 Jugendliche blieben demnach am Ende des Ausbildungsjahres unversorgt, 22 weniger als im Vorjahr. Es meldeten sich insgesamt 2366 Ausbildungsplatzsuchende bei den Berufsberatern der Arbeitsagentur und bei den Jobcentern. Das waren 293 oder elf Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Die Betriebe zeigten 4815 Ausbildungsstellen an, 314 oder 6,1 Prozent weniger als im Vorjahr.

„Wir sind noch mal mit einem blauen Auge davongekommen“, kommentiert Hans-Joachim Haming, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Nordhorn die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind für den Ausbildungsmarkt bislang geringer als befürchtet.“ Haming weist daraufhin, dass für das laufende Ausbildungsjahr derzeit noch keine verlässliche Prognose abgegeben werden kann. „Die Infektionszahlen steigen wieder rapide an, sodass ein erneutes Herunterfahren der Wirtschaft nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Dies wird unweigerlich Folgen für den Ausbildungsmarkt haben“, so Haming.

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt sei weiterhin unausgewogen. „Ausbildungssuchende haben nach wie vor sehr gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz, aber für die Firmen verschärft sich der Wettbewerb weiter. Der Trend zum Bewerbermarkt setzt sich unvermindert fort.“ Aus Sicht der Arbeitsagentur wird es auch in den kommenden Jahren zu einem verschärften Engpass an Bewerbern und erhöhter Konkurrenz untern den Betrieben kommen. „Arbeitgeber sollten daher eine klare Strategie bei der Bewerbergewinnung verfolgen“, so Haming. „Die Vorteile einer beruflichen Ausbildung, die Attraktivität des Ausbildungsberufes und des Betriebs sollten deutlich herausgestellt werden.“

Im Bezirk der Agentur für Arbeit Nordhorn blieben laut Statistik 221 Ausbildungsstellen unbesetzt, also 160 oder mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2019. Vor allem Ausbildungsstellen im Handel und Fachverkauf, in den handwerklichen Anlagen-, Elektro-, und Metallberufen sowie im Hotel- und Gastronomiebereich waren schwer zu besetzen.

Bei den Jugendlichen, die sich für eine duale Ausbildung entscheiden, waren die am häufigsten gewählten Berufe bei den Jungen die Ausbildungen zum Industriekaufmann, Kfz-Mechatroniker (Pkw-Technik), Industriemechaniker und Tischler. Die Mädchen entschieden sich vorzugsweise für eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement, Verkäuferin, Kauffrau im Einzelhandel und Medizinischen Fachangestellten.

Im vergangenen Jahr meldeten die Betriebe der Arbeitsagentur Nordhorn 4815 betriebliche Ausbildungsstellen. Besonders viele Stellen wurden für die Ausbildungen zu Kaufleuten für Büromanagement, Kaufleute im Einzelhandel, Landwirt, Industriekaufleute, Metallbauer Konstruktionstechnik, Elektroniker Energie- und Gebäudetechnik und zur Fachkraft Lagerlogistik angeboten.

Zum Stichtag 30. September hatten nur 28 Bewerber noch keine sichere Perspektive, verglichen mit dem Vorjahr entspricht das einem Rückgang um 22 Personen.

Grafschafter Jobcenter

Auch in den Jahren 2019/2020 ist der Ausbildungsmarkt aus Sicht des Grafschafter Jobcenters von einem großen Angebot an offenen Ausbildungsstellen gekennzeichnet. Zwar war das Stellenangebot in diesem Jahr pandemiebedingt rückläufig, jedoch stand diesem Stellenangebot infolge der Rückkehr der allgemeinbildenden Gymnasien zum „G9“ auch eine geringere Anzahl an Schulabsolventen gegenüber.

Nach einem weitgehenden Stillstand des Ausbildungsmarktes von März bis Mitte Mai holte der Markt merklich auf. Auch in der aktuellen Arbeitsmarktlage engagieren sich also viele regionale Unternehmen als Ausbildungsbetrieb und geben auch Bewerbern eine Chance, die nicht auf einen geradlinigen Lebenslauf oder gute Schulnoten verweisen können. Die Unternehmen sind nach ihren Möglichkeiten darum bemüht, auch in der momentanen Belastungssituation die Entwicklung von künftig dringend benötigten Fachkräften voranzutreiben.

Lediglich vereinzelte Jugendliche blieben zum 30. September ohne konkrete Perspektive. Dies sei nicht allein auf individuelle Passungsprobleme zurückzuführen, sondern ebenso auf unmittelbar erfolgte Abbrüche. Diesen Jugendlichen sollen im Zuge der Nachvermittlung und/oder über vorbereitende Einstiegsqualifizierung weitere Angebote unterbreitet werden, heißt es aus dem Jobcenter.

In diesem Jahr hat sich der Anteil von jungen Flüchtlingen, die in den Ausbildungsmarkt eingemündet sind, weiter reduziert. Diese Entwicklung sei darauf zurückzuführen, dass ein Großteil der in den Jahren 2015/2016 eingetroffenen jungen Flüchtlinge bereits eine Ausbildung aufgenommen habe. „In diesem Jahr haben nur diejenigen einen Ausbildungsplatz gesucht, die aktuell die Schule verlassen haben. Das Integrationszentrum hat vielen Schulabgängern unter den Asylbewerbern beziehungsweise im Leistungsbezug des Jobcenters den Start in eine betriebliche Ausbildung oder in eine Einstiegsqualifizierung ermöglicht“, heißt es weiter.

In der Region werden die vergangenen und aktuellen Integrationen der jungen Flüchtlinge in den Ausbildungsmarkt als Erfolg des Integrationszentrums gewertet. Mit dem kooperativen Ansatz der Arbeitsmarktakteure im Integrationszentrum sind dem Jobcenter zufolge in der Grafschaft Bentheim die Voraussetzungen für ein umfassendes Beratungsangebot für Migranten vorhanden. Das Angebot werde sowohl durch Unternehmen als auch Migranten gern genutzt. Für die jungen Menschen, die nach dem Ausbildungsstart Unterstützung benötigen, können Unternehmen ausbildungsbegleitende Hilfen zur fachlichen und persönlichen Begleitung durch Coaching sowie Beratung zum Spracherwerb in Anspruch nehmen.

Handwerkskammer Osnabrück–Emsland–Grafschaft Bentheim

Das Ausbildungsjahr 2020 ist wie alle Bereiche in Deutschland stark von der Corona-Pandemie beeinflusst. So musste auch das Handwerk einen Rückgang der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse verzeichnen und liegt in den Regionen Emsland und Grafschaft Bentheim zum Stichtag 1. Oktober gut zehn Prozent hinter dem Vorjahreswert. „Dabei ist jedoch hervorzuheben, dass in der Grafschaft sogar ein Plus an Ausbildungsverträgen von 3,45 Prozent festzustellen ist“, heißt es in der Bilanz. Insgesamt haben sich 1129 junge Menschen in diesem Jahr für eine Ausbildung im Handwerk in den Regionen Emsland und Grafschaft Bentheim entschieden.

Die Pandemie-Situation und die Lockdown-Phase haben vor allem das Verhalten der Jugendlichen beeinflusst – weggefallene oder verkürzte Maßnahmen in der Be-rufsorientierung, abgebrochene Praktika, die allgemeine Unsicherheit – das alles seien Faktoren, die die Motivation und das Vertrauen auf Chancen auf dem Ausbildungsmarkt beeinflussen. Viele Ausbildungsverträge sind erst nach dem regulären Start am 1. August geschlossen worden und letztlich sind insgesamt 329 Ausbildungsplätze im Handwerk im Bezirk der Handwerkskammer Osnabrück–Emsland–Grafschaft Bentheim unbesetzt geblieben. „Dies“, so kommentiert Anna Brockhoff, Leiterin des Dezernats Berufliche Bildung, „ist jedoch auch ein Indikator für eine nicht nachlassende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Wir danken allen unseren Betrieben für ihr Engagement.“

Nun komme es darauf an, die Jugendlichen wieder mit allen Maßnahmen der beruflichen Orientierung zu erreichen. „Digitale Angebote sind kein adäquater Ersatz, sondern allenfalls eine Ergänzung zu eventuell nicht in Präsenz durchzuführenden Beratungen. Das Handwerk, das nicht grundlos ,Hand‘-,Werk‘ heißt, muss als sol-ches erlebbar bleiben. So kann am besten das Interesse für handwerkliche Berufe geweckt werden“, so Brockhoff. „Das Handwerk ist nicht nur vielseitig, es bietet vor allem auch das Potenzial für echte Erfolgsgeschichten. Handwerk 4.0, aber auch Anforderungen in der Nachhaltigkeit bieten neue, spannende Chancen, die Traditionen im Handwerk neu zu definieren. Die Welt war noch nie so unfertig. Pack mit an“, appelliert Brockhoff.

Freie Ausbildungsstellen melden

„Arbeitgeber, die freie Ausbildungsstellen melden möchten, können sich an ihren Ansprechpartner im Arbeitgeber-Service wenden oder unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 4555520 melden“, informiert Haming und ergänzt: „Jugendliche, die im nächsten Jahr mit einer Ausbildung starten möchten, sollten nicht länger zögern und umgehend einen Beratungstermin bei der Berufsberatung unter der kostenlosen Servicerufnummer 0800 4555500 vereinbaren.

Ems-Vechte