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07.12.2019, 00:03 Uhr

Promi-Geburtstag vom 7. Dezember 2019: Tom Waits

Ein krächzender Kauz mit zartem Gemüt: Tom Waits hat es seinen Hörern selten leicht gemacht und doch viele berührt wie kaum ein anderer Songwriter. Nun wird der Musiker, Schauspieler, Film- und Theaterkomponist 70.

Tom Waits wird 70. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Tom Waits wird 70. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin Vermutlich hat niemand das Phänomen Tom Waits besser erfasst als US-Regisseur Robert Altman, in dessen Meisterwerk „Short Cuts“ der Musiker 1993 einen Säufer spielte.

„Tom ist einmalig - eine ganz eigene Persönlichkeit. Er ist ein schräger Vogel, aber auf eine gute Art.“ Heute wird der kauzige Künstler nun 70 - und ist damit endlich so alt, wie er schon lange aussieht und klingt.

Kein Singer-Songwriter hat den Raum zwischen Folk, Rock, Blues und Jazz, zwischen zärtlichen Balladen und kunstvollem Krach so souverän durchmessen wie Waits. Oder, bildlich gesprochen: Wenn einer den Soundtrack zum berühmten Bar-Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper schreiben könnte, dann wohl dieser zerknittert daherkommende, melancholische Typ mit der Raspelstimme. Eines seiner frühen Alben heißt denn auch „Nighthawks At The Diner“.

Als Sänger und Pianist, Hit-Schreiber für andere Musiker, Schauspieler, Film- und Theater-Komponist ist Waits eines der großen Multitalente der Popgeschichte. Dass er nie das Volkstümliche eines Bruce Springsteen oder die dichterische Wirkung eines Bob Dylan erreichte, wird er verschmerzen können nach einer fast 50-jährigen Laufbahn, die ihn bis in die Hochkultur führte. Sein Werk hat andere Ebenen - Gewalt und Schmerz, Tresen-Elend und Sucht spielen darin eine zu große Rolle, als dass aus ihm jemals ein massentauglicher Künstler werden konnte.

Als Sohn einer Lehrerin und eines Trinkers, der die Familie bald verließ, wurde Tom Waits am 7. Dezember 1949 in der Nähe von Los Angeles geboren. Die Aufsteigergeschichte begann stilecht - ganz unten, als Geschirrspüler und Pizzabäcker. Davon zeugte später noch sein Song „The Ghosts Of Saturday Night (After Hours At Napoleone's Pizza House)“.

In Kneipen schnappte Waits Dialogfetzen für Lieder auf, die musikalisch von Kurt Weill, Ray Charles oder Frank Sinatra geprägt waren, aber bald immer weiter in Richtung Folk-Blues-Avantgarde ausgriffen. Mit dem tollen Debüt „Closing Time“ (1973) legte der junge Beat-Poetry-Fan die Grundlage für eine Karriere als (damals noch weniger rabiater) Sänger und Pianist in verrauchten Clubs.

Sein erster Förderer war Asylum-Labelchef David Geffen, der später sagte: „Seine Songs bliesen mich um. Ich liebte die Art,wie er sang.“ Wer jemals Waits' so knarrende wie gemütvolle Version von „Somewhere“ aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ gehört hat, weiß ungefähr, was der Plattenmogul meinte.

Die mit Lärm und Dissonanzen spielenden Alben der 80er Jahre wie „Swordfishtrombones“ oder „Rain Dogs“ waren entscheidend für Waits' Aufstieg in die erste Liga der US-Rockmusik. Zugleich stilisierte er seine oft gruselig wirkende Bühnen-Performance, scheppernde Sounds und „kaputten“ Gesang zu einer Marke.

Immer wieder coverten feinere Stimmen die prächtigen Waits-Lieder - zuerst The Eagles („Ol' 55“), später beispielsweise Rod Stewart („Tom Traubert's Blues“, „Downtown Train“) oder Springsteen („Jersey Girl“). Der Avantgardist wurde zum hoch geschätzten „Songwriter's Songwriter“ - und startete eine zweite Laufbahn als Filmkomponist mit Arbeiten für Francis Ford Coppola und Jim Jarmusch.

Ohnehin habe er schon früh „gedacht, dass ich Filme für die Ohren mache“, sagte Waits einmal dem britischen Magazin „Mojo“. Die Nähe zum Kino erleichterte ihm den Einstieg als Schauspieler. Vielen ist Tom Waits heute mit kleinen oder größeren Rollen in „Down By Law“, „König der Fischer“, „Bram Stoker's Dracula“ oder kürzlich „The Dead Don't Die“ ebenso in Erinnerung wie als Musiker.

Die Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Robert Wilson seit Ende der 80er Jahre gipfelte in den Bühnenstücken „Alice“ nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Woyzeck“ nach Georg Büchner. Daraus destillierte Waits zwei seiner besten Platten - „Alice“ und „Blood Money“ erschienen 2002 auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Unter vielen Auszeichnungen ragen die Grammys für „Bone Machine“ (1992) und „Mule Variations“ (2000) sowie eine Oscar-Nominierung für die Musik zu Coppolas „Einer mit Herz“ (1983) hervor.

In Alben wie „Real Gone“ (2004) oder „Bad As Me“ (2011) kultivierte der Musiker das Image des krächzenden und zeternden Wüstlings so sehr, dass ihm manche Kritiker vorhielten, nur noch als Kunstfigur zu agieren. Vor einem Jahr, zum 69. Geburtstag, schrieb das Magazin „Rolling Stone“ über Waits' Talent als Selbstdarsteller im Interview: „Man will die absurden Anekdoten hören, weil sie witzig sind und weil Waits seine sonderbar schräge Welt durch sie erkennbar macht. Die Wahrheit, sagt der Künstler, werde weitgehend überschätzt.“

Privat hat Waits in der Ehe mit seiner künstlerischen Partnerin Kathleen Brennan seit 1980 offenkundig das große Glück gefunden - auch wenn viele düstere Lieder es oft nicht vermuten lassen. „Sie hat mein Leben gerettet“, sagte der Künstler, der mit Alkohol, Nikotin und Streunerei einen selbstzerstörerischen Lebensstil gepflegt hatte, im „Mojo“-Interview. Man darf gespannt sein, ob ein hoffentlich gesunder, zufriedener Tom Waits sein Publikum nach längerer Kreativpause noch mit einem spannenden Spätwerk überrascht.

Wer so lange nicht warten will, findet gute Waits-Coverversionen auf dem Tribute „Come On Up To The House - Women Sing Waits“. Künstlerinnen wie Aimee Mann, Rosanne Cash, Shelby Lynne oder Patty Griffin interpretieren dort Lieder des sanften Raubeins. Das Album ist am 22. November über Dualtone/eOne/SPV erschienen.