13.03.2020, 13:05 Uhr

Polizei: „Straftaten so niedrig wie zuletzt vor 29 Jahren“

Die Polizeidirektion Osnabrück hat am Donnerstag ihre Kriminalstatistik für das vergangene Jahr vorgelegt. Demnach ist die Zahl der registrierten Straftaten in der Region auf das Niveau von 1990 zurückgegangen.

Der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann stellte am Donnerstag die Polizeiliche Kriminalstatistik 2019 der Presse vor. Foto: dpa

Der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann stellte am Donnerstag die Polizeiliche Kriminalstatistik 2019 der Presse vor. Foto: dpa

Osnabrück Der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann fasste die am Donnerstag veröffentlichte Kriminalstatistik für das Jahr 2019 wie folgt zusammen: „Die Zahl der registrierten Straftaten ist so niedrig wie zuletzt vor 29 Jahren. Es freut mich, dass die Menschen in unserer Region statistisch immer weniger direkt von Kriminalität betroffen sind. Bei uns in der Polizeidirektion Osnabrück lebt es sich gut und vor allem sicher.“

Das Straftatenaufkommen im Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück, in der rund 1,5 Millionen Einwohner leben, ist gesunken. Mit 83.925 Straftaten von den Ostfriesischen Inseln bis zum Teutoburger Wald ist dies der niedrigste Wert in der Kriminalstatistik seit 29 Jahren. Die Aufklärungsquote bleibt indes mit 63,4 Prozent auf einem hohen Niveau. Sehr erfreulich ist zudem die weiter rückläufige Entwicklung der Kriminalitätsbelastung der Menschen in der Direktion. Die Anzahl der registrierten Straftaten pro 100.000 Einwohner fiel auf einen neuen Tiefstand der letzten zehn Jahre. Trotz der positiven Zahlen ist das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung jedoch oftmals ein anderes. Neben der Analyse der objektiven Sicherheitslage ist deshalb die Einbeziehung des subjektiven Sicherheitsgefühls der Menschen ein weiteres Schwerpunktthema.

Zahl der Wohnungseinbrüche stark rückläufig - über 50 Prozent weniger Einbrüche seit 2017
Einen nach 2018 nochmals überdurchschnittlichen Rückgang verzeichnete die Direktion bei den Wohnungseinbrüchen. In den letzten drei Jahren konnte die Zahl der Einbrüche um 51 Prozent reduziert werden. Insgesamt nahm die Zahl der Fälle in 2019 um 365 Taten beziehungsweise. 23,3 Prozent deutlich ab und sank mit 1202 Einbrüchen auf ein neues 30-Jahre-Tief. Die Aufklärungsquote stieg unterdessen im vergangenen Jahr auf 28,1 Prozent an – der beste Wert der letzten sechs Jahre. Maßmann: „Wir konnten die Zahl der Einbrüche in den letzten drei Jahren um die Hälfte reduzieren. Ein toller Erfolg, der wesentlich auf die sehr gute Präventions- und Ermittlungsarbeit zurückzuführen ist.“ Der Anteil der versuchten Einbrüche stieg 2019 von 41 auf 45 Prozent an. Fast jeder zweite Einbruch blieb im Versuchsstadium stecken. Sowohl der passive Einbruchschutz als auch der Einsatz von geeigneter Sicherungstechnik zahlen sich offensichtlich immer mehr aus. Oft reichen schon Vorkehrungen kleinerer Art, um nicht in den Fokus von Einbrechern zu geraten. Beispiellos ist die im Oktober 2016 eingerichtete Ermittlungsgruppe „Zentrale Ermittlungsgruppe Wohnungseinbruchdiebstahl“ zur Bekämpfung überregional agierender Einbrecherbanden: In enger Abstimmung mit der Bundespolizei, der niederländischen Polizei und den Staatsanwaltschaften sowie in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt, Europol, den Kreispolizeibehörden Borken und Steinfurt (NRW), wurden drei Jahre lang überregionale Fälle beziehungsweise Fallserien mit Fördergeldern der EU erfolgreich bearbeitet. Im Ergebnis konnte die Ermittlungsgruppe zwischen 2016 und 2019 insgesamt 13 international agierende Täterbanden zerschlagen – einschließlich der damit verbundenen kriminellen Netzwerke. Der materielle Wert des Diebesgutes liegt bei rund zwei Millionen Euro. Rund 350 Taten konnten aufgeklärt und 86 Tatverdächtige ermittelt werden. Insgesamt 38 Personen nahmen die Ermittler fest. Die professionelle Arbeit der Analysten und Ermittler wird seit November 2019 in einer ständigen Ermittlungsgruppe namens „Zentrale Ermittlungsgruppe Phänomene“, dauerhaft, auch ohne EU-Fördergelder, fortgesetzt und ist somit fester Bestandteil der polizeilichen Arbeit in der Osnabrücker Polizeidirektion.

Sprengung von Geldautomaten: Ermittlungsgruppe eingerichtet – Banken in der Pflicht
Die Zahl der versuchten beziehungsweise vollendeten Sprengungen von Geldautomaten beschäftigt die Polizei seit einigen Jahren. In den letzten fünf Jahren waren es allein in der Polizeidirektion bis heute 64 Sprengungen – die meisten entlang der deutsch-niederländischen Grenze. In 30 Fällen erbeuteten die Täter kein Geld, es blieb beim Versuch. Im Januar hatte die Direktion eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Durch die sehr guten und engen Verbindungen zu den niederländischen und nordrhein-westfälischen Polizeibehörden will die Polizei den Tätern auf die Schliche kommen. Aber auch die Banken sind in der Pflicht. Maßmann: „Wir müssen den Tätern den Reiz zur Tat nehmen. Das kann neben intensiver Präventions- und Ermittlungsarbeit nur gelingen, wenn die Banken ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöhen – und zwar flächendeckend. Die Niederlande macht es bereits vor.“

Leichter Anstieg bei Gewaltkriminalität – auch Polizeibeamte zunehmend Opfer von Gewalt
Insgesamt nahm die Gewaltkriminalität, zu der gravierende Gewaltstraftaten wie beispielsweise Tötungsdelikte, Vergewaltigung, Raub, gefährliche und schwere Körperverletzung gehören, mit 3086 Taten um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu.

Die Zahl der Fälle, bei denen im letzten Jahr ein Messer als Angriffsmittel eingesetzt wurde, stieg deutlich an und lag bei 323 Fällen. Im Jahr 2018 waren es noch 274 Angriffe – 2017 auch schon 245. Auffällig: Knapp ein Drittel aller Messerangriffe geschahen unter dem Einfluss von berauschenden Mitteln – überwiegend bedingt durch Alkohol. Nicht nur für die Polizei ist das Phänomen Gewalt gegen Polizeibeamte ein Dauerthema, sondern auch für Feuerwehr- und Rettungskräfte sowie für öffentliche Personen. Im Jahr 2019 bilanzierte die Direktion insgesamt einen Anstieg der um sechs Prozent auf 533 Fälle. Mehr als zwei Drittel aller Fälle, geschahen unter dem Einfluss von Alkohol oder anderer Drogen. Traurig: 1181 Polizisten wurden im letzten Jahr in der Polizeidirektion selbst Opfer von Gewalt. Nahezu jeder zweite Polizeibeamte in der Direktion ist somit statistisch im letzten Jahr selbst Opfer geworden. Maßmann: „Warum werden Menschen, die anderen Menschen helfen wollen, immer öfter selbst Opfer? Die Entwicklung betrachte ich mit großer Sorge. Es mangelt in Teilen der Gesellschaft an Respekt und Achtung gegenüber Amtsträgern. Die zunehmende Verrohung ist Teil des Problems.“

Kinder- und Jugendkriminalität: Viele Straftaten durch fehlende Medienkompetenz
Insgesamt sind die Fallzahlen im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität positiv zu bewerten. Die Zahlen sind jahrelang zurückgegangen und stagnieren im Vergleich auf niedrigem Niveau - aktuell bei 5659 Fällen. Bei detaillierter Betrachtung verzeichnet die Direktion allerdings besonders bei der Verbreitung pornografischer Schriften einen starken Anstieg um 58 Prozent. Besorgniserregend: Die Veränderung der Altersstruktur der Tatverdächtigen bei den 463 Fällen aus dem letzten Jahr. Der Anteil der Tatverdächtigen Kinder- und Jugendlichen nahm hierbei um 264 Prozent zu. Neu ist die Erkenntnis, dass vermehrt auch Kinder unter 14 Jahren tatverdächtig sind. Dabei geht es in den meisten Fällen um das Verbreiten von kinderpornografischen Inhalten über die die sozialen Netzwerke und Messengerdienste wie WhatsApp.

Besonders das Versenden und Teilen von entsprechenden Nackt- oder freizügigen Bildern beziehungsweise Videos via Smartphone hat überproportional zugenommen. Oftmals waren es im letzten Jahr WhatsApp-Gruppen oder Chats, in denen die verbotenen Inhalte verschickt wurden. Teilweise gelangten sie anschließend noch in die sozialen Netzwerke. Die bei jungen Menschen sehr beliebten sogenannten (WhatsApp-) Sticker spielen ebenfalls eine größere Rolle. Mit nur wenigen Klicks ist solch ein Sticker, beispielsweise mit einem Nacktbild eines Kindes, fertiggestellt und versendbar. Der Erwerb, die Verbreitung und der Besitz solcher Inhalte ist nach dem Strafgesetzbuch strafbar und kann mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Trotz des hohen Engagements polizeilicher Präventionsteams und zahlreicher weiteren Präventionsmaßnahmen von Schulen, Kommunen und anderen Institutionen, fehlt offensichtlich gerade bei den ganz jungen Menschen, die ein Smartphone besitzen, die nötige Medienkompetenz. Möglicherweise wissen viele der jungen Menschen nicht, dass sie sich strafbar machen. Doch Unwissenheit schützt eben nicht vor Strafe. Noch dazu beschäftigen Themen wie Cybermobbing, Cybergrooming, Sexting und Sextortion die Polizei immer öfter. Maßmann: „Viele Kinder bekommen heutzutage schon sehr früh ihr erstes Smartphone. Unsere Erfahrungen belegen, dass die Medienkompetenz bei den ganz jungen Menschen ganz und gar nicht ausreicht. Es besteht akuter Handlungsbedarf. Wir müssen die jungen Menschen frühzeitig über die Gefahren und die rechtlichen Grenzen der Nutzung des Internets aufzuklären. Eltern und Lehrern kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.“

Straftaten gegen Senioren weiter im Fokus – größere Ermittlungserfolgestellen sich ein
Bei den Straftaten zum Nachteil von Senioren ist von Schockanrufen, Enkeltricks, falschen Gewinnversprechen oder falschen Polizeibeamten die Rede. Ältere Menschen werden mitunter durch perfide Tricks der Täter beziehungsweise Täterbanden um ihr Erspartes gebracht. Das Sicherheitsempfinden ist dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Allein die Fälle bei den falschen Polizeibeamten haben stark zugenommen, allerdings blieben im letzten Jahr 86 Prozent der Fälle im Versuchsstadium stecken – im Vorjahr waren es 65 Prozent. Die Direktion hatte 2018 einen Schwerpunkt gesetzt und die Ermittlungen intensiviert und konzentriert.

Ein beachtlicher Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Der „Zentralen Ermittlungsgruppe Phänomene“ gelang im Februar 2020 ein internationaler Schlag gegen eine Callcenter-Bande: Deutsche Ermittlungs- und Justizbehörden konnten in enger Zusammenarbeit mit türkischen Sicherheitsbehörden auch die Hintermänner einer großen Betrüger-Bande im Kontext sogenannter „falscher Polizeibeamte“ ermitteln und festnehmen. Darunter auch die mutmaßlichen Haupttäter des mehr als 70 Mitglieder starken und international agierenden kriminellen Netzwerkes. Sie beschlagnahmten bei Durchsuchungen mehrere hochwertige Autos, Bargeld und Schmuck. Der Schaden bei den bundesweit betroffenen Betrugsopfern beläuft sich allein in diesem Ermittlungsverfahren auf über drei Millionen Euro.

Vorangegangen waren umfangreiche Ermittlungen der Osnabrücker Polizeiinspektion mit zahlreichen Festnahmen und Verurteilungen von sogenannten Geldabholern und Logistikern. Fast immer läuft die Kommunikation über das Telefon. Maßmann: „Wir brauchen klare Kompetenzen im Bereich der Vorratsdatenspeicherung, da Ermittlungen oft erst Wochen und Monate später geführt werden.“ Neben der konzentrierten Ermittlungsarbeit ist die Prävention der zweite zentrale Baustein zur Verhinderung solcher Straftaten. Die Polizei hat mit intensiver Präventionsarbeit auf den starken Anstieg der Fallzahlen in den vergangenen Jahren reagiert.

Neben Warnhinweisen in zielgruppengerechten Medien, wie zum Beispiel der „Apotheken-Umschau“, und einer proaktiven Öffentlichkeitsarbeit, ist eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Partnern eingespielte Routine. In Osnabrück wurde jüngst vom Präventionsteam ein Theaterstück zur Sensibilisierung älterer Menschen entwickelt. Schauspieler gehen mit der Polizei in der Region auf Tour und stellen dem älteren Publikum spielerisch die Maschen der Täter vor.

Ems-Vechte