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09.07.2020, 15:57 Uhr

Nordhorner Waldbisons haben neue Heimat in Sachsen

Zootierärztin Dr. Heike Weber und ihre Mitarbeiter hatten beim Transport viel zu tun. Foto:Franz Frieling

Zootierärztin Dr. Heike Weber und ihre Mitarbeiter hatten beim Transport viel zu tun. Foto:Franz Frieling

Nordhorn Es ist geschafft. Die vier Waldbisons „Jolon“, „Julius“, „Juni“ und „Jana“, die 2019 im Tierpark Nordhorn geboren wurden, haben ihre neue Heimat im Naturschutzgebiet „Cospudener See“ erreicht. Vorausgegangen waren diesem Transport monatelange Vorbereitungen. Denn die stattlichen Paarhufer laufen nicht so einfach auf einen Anhänger wie beispielsweise die aus dem Hutewald Bad Bentheim bekannten, tierparkeigenen Gallowayrinder. Zwar gehören auch Waldbisons zu den Rindern (Bovini), aber zu einer der Wildformen. Schon die Haustierform des Galloways ist nicht handzahm, jedoch deutlich umgänglicher und friedfertiger als ihre aus Kanada stammenden wilden Verwandten.

Waldbisons sind die Wappentiere des Tierparks Nordhorn und die Zucht floriert in den letzten Jahren ungemein. „Nur selten kann ein Jungtier in der Ursprungsherde verbleiben. Dafür ist der Platz im Zoo zu begrenzt und zudem möchte man natürlich Inzucht – also die Zucht nahe verwandter Tiere vermeiden“, so Tierparkleiter Dr. Nils Kramer. Aus diesem Grund suchen die Kuratoren der Tierparks immer nach anderen Zoos, Projekten oder auch spezialisierten Privathaltern, die Jungtiere übernehmen können.

Mit dem Wildpark Connewitz, geleitet von Andreas Sickert (Abteilungsleiter Stadtforsten, Forstbehörde der Stadt Leipzig), wurde bereits vor Jahren ein solcher Interessent gefunden. Denn der Wildpark ist in die Beweidung der Naturschutzflächen am Cospudener See, nahe Markkleeberg mit einbezogen. Hier weiden auf verschiedenen Flächen Waldbisons, Sikawild und verschiedene Schafrassen. Die Tiere ernähren sich den größten Teil des Jahres von dem, was die großen Gehegeflächen bieten. Sie verhindern dadurch eine Verbuschung und Bewaldung des Geländes und schaffen so seltenen Pflanzen und Tieren, die offenes Gelände bevorzugen, einen geeigneten Lebensraum. Lediglich in Notzeiten, aus medizinischen Gründen oder zur Kontakthaltung mit den Menschen wird zugefüttert.

Dieses sich wirtschaftlich selbst tragende Projekt wird von Forschern der Ökologischen Station Borna-Birkenhain wissenschaftlich begleitet. Sie untersuchen vor Ort die Einflüsse der Gehegetiere auf Flora und Fauna. Ein solchen Arten- und Naturschutzprojekt unterstützt der Tierpark Nordhorn mit seinen Tieren. Spiegelt es doch genau die Arbeit wieder, die der Zoo auch hier in der Grafschaft mit seinen Tieren betreibt: nämlich regionalen Naturschutz, samt Forschung, Artenschutz, pädagogische Arbeit und Förderung der Naherholung. Dabei dürften die drei großen Tierpark Nordhorn-Projekte „Hutewald Bad Bentheim“, „Tillenbergener Wacholderheide“ sowie „Wachholderhain Bardel“ insbesondere durch die stetig angebotenen Führungen wohl bekannt sein.

Die Tiere am Cospudener See in Sachsen werden dagegen nicht direkt vom Wildpark Connewitz, sondern von der Schäferin Kerstin Doppelstein betreut. Diese hat sich mächtig gefreut, als nun zwei weibliche und zwei männliche Waldbisons aus Nordhorn wohlbehalten bei ihr eintrafen. So ein Umzug ist für die Tiere natürlich mit Aufregung verbunden. Diese ging bereits morgens in Nordhorn los, als die vier Bisons durch die Tierpfleger von ihrer Herde im Stall getrennt wurden. Dann kam Zootierärztin Dr. Heike Weber und verpasste ihnen per Blasrohr einen Pfeil mit einem beruhigenden Medikament. „Die Wirkung tritt nach zirka einer halben Stunde ein und hat den großen Vorteil, dass die Tiere etwas entspannter durch einen Treibgang in den angeschlossenen Fangstand laufen“, erläutert Weber. Dort fixiert wurde es noch einmal kurz unangenehm, da Ohrmarken eingezogen und Blutproben für vorgeschriebene Untersuchungen genommen werden mussten. „Wir waren allerdings sehr überrascht, dass eines der Bisons sogar an den angebotenen Möhren kaute, während ich mich bemühte, genügend Blut aus seiner Schwanzvene zu gewinnen“, bemerkt die Zootierärztin weiter. Da die Bisons natürlich nicht total ruhig im Fangstand stehen, ist auch das Blutnehmen bei ihnen deutlich schwieriger als bei Hausrindern. Zwischen dem ständigen Zappeln der Tiere die Kanüle an der richtigen Stelle zu platzieren, diese nicht zu verlieren und sich selber bei dem ganzen Tumult nicht zu verletzen, ist schon eine Herausforderung. Neben den Tierparkmitarbeitern sowie zwei Zootierarztkollegen aus Osnabrück ist besonders der Transporteur Roy Smith von der Firma „Interzoo“ extrem erfahren im Umgang mit Bisons.

Nachdem die Tiere im Fangstand fertig waren, ließ er sie auf seinen grünen Hänger laufen und sperrte sie dort einzeln ab. Bei Hornträgern ist das nötig, da sich die Tiere sonst gegenseitig während der Fahrt verletzen könnten. Angekommen am Cospudener See verließen die einjährigen, zirka 300 Kilogramm schweren Tiere den Anhänger teilweise erst zögerlich. Aber die großen Grünflächen überzeugten letztendlich dann auch das vorsichtigste Tier, den Interzoo-Anhänger zu verlassen.

Bleibt zu hoffen, dass sich die Vier gut in Sachsen einleben und dort zur Erhaltung ihrer Art beitragen. Im Nordhorner Zoo sind in diesem Jahr bereits zwei weibliche Waldbisonkälber geboren worden. Die Kleinen haben noch das hellbraune „Kinderfell“ und es ist wahrlich eine Freude, ihnen beim Spielen und Toben auf der großen Außenanlage zuzuschauen.

Ems-Vechte