15.12.2021, 12:15 Uhr

Nordhorn gedenkt der Deportation jüdischer Mitbürger

Sie legten an der heutigen Prollstraße 5 neben den Stolpersteinen der Familie Frank-de Vries einen Gedenkkranz nieder (von links): Bürgermeister Thomas Berling sowie Hartmut Lenhard, Karin Herzog und Gerhard Naber vom Forum Juden/Christen. Foto: Stadt Nordhorn

Sie legten an der heutigen Prollstraße 5 neben den Stolpersteinen der Familie Frank-de Vries einen Gedenkkranz nieder (von links): Bürgermeister Thomas Berling sowie Hartmut Lenhard, Karin Herzog und Gerhard Naber vom Forum Juden/Christen. Foto: Stadt Nordhorn

Nordhorn Bürgermeister Thomas Berling und Vertreter des Forums Juden/Christen haben am vergangenen Montag an der Prollstraße in Nordhorn eine Gedenkminute abgehalten und einen Kranz niedergelegt. Sie erinnerten damit an die Nordhorner Jüdinnen und Juden, die am gleichen Tag im Dezember 1941 im Rahmen des sogenannten „Bielefelder Transports“ ins Ghetto nach Riga in Lettland gebracht wurden und dort oder in einem Konzentrationslager den Tod fanden.

Bereits am 11. Dezember 1941 mussten in Neuenhaus, Nordhorn, Gildehaus und Schüttorf Jüdinnen und Juden ihre Häuser verlassen, um nach Osnabrück befördert zu werden. Am 13. Dezember fand dann die Deportation mit einem Zug aus Münster über Osnabrück und Bielefeld in das lettische Riga statt. Auch aus dem Emsland und dem Münsterland wurden an diesem Tag insgesamt über 1000 Menschen mit dem sogenannten „Bielefelder Transport“ deportiert.

Mit dieser Aktion ließen die Nationalsozialisten die letzten verbliebenen Juden aus Nordhorn verschwinden. Es waren insgesamt sechs Personen, die alle in der Großen Gartenstraße 15 wohnten, heute Prollstraße 5: das Ehepaar Henriette und Josef Oster sowie das Ehepaar Samuel und Jenni Frank geborene de Vries mit ihren Kindern Julius und Else Frank. Niemand von ihnen überlebte. Josef und Henriette Oster waren nach der sogenannten Reichspogromnacht im November 1938 bei Familie Frank-de Vries eingezogen. Ihnen gehörte zuvor ein Geschäft in der Hauptstraße, das sie aber an eine nicht jüdische – „arische“ – Familie abgeben mussten. Wann genau sie nach der Deportation nach Riga verstorben sind, ist nicht bekannt. Viehhändler Samuel Frank fand 1942 als 54-Jähriger im Lager Salaspils bei Riga den Tod, ebenso sein 20-jähriger Sohn Julius. Ehefrau Jenni war mit ihrer Tochter Else vom Ghetto Riga ins Konzentrationslager Stutthof gebracht worden, wo beide 1944 ermordet wurden. Das Verschwinden der letzten Juden aus Nordhorn fand in aller Öffentlichkeit statt, Nachbarn haben den Vorgang damals beobachtet. Zu Fuß und mit einem schweren Bündel mit Gepäck seien die Bewohner des Hauses zum Bahnhof gegangen und dort in einen Bus eingestiegen. Danach wurden sie nie wieder gesehen.

„Diese Vorgänge sind aus heutiger Sicht kaum zu begreifen, aber es ist so passiert, direkt hier in Nordhorn“, sagte Bürgermeister Thomas Berling bei der Kranzniederlegung. „Wir dürfen diese Menschen und ihr Schicksal niemals vergessen und müssen uns dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder geschieht.“ Gerhard Naber vom Forum Juden/Christen ergänzte: „Nie wieder – das verpflichtet uns und alle folgenden Generationen, dazu beizutragen, dass nie wieder Ghettos errichtet und Deportationen und Transporte in welche Lager auch immer durchgeführt werden – bei uns nicht und nirgends!“