29.11.2021, 09:50 Uhr

Neues Buch über Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Auch das alte Mischpult der einstigen Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen fand noch Verwendung. Foto: dpa

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Auch das alte Mischpult der einstigen Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen fand noch Verwendung. Foto: dpa

Grafschaft Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die Hi Fi zu bieten hatte, die prgende Musik der Zeit von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Crosby, Stills, Nash & Young.

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind. Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich war 16 Jahre alt, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen. Damals noch etwas Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau. Dort gab es das „Fiz Oblon“.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier in einer noch etwas höheren Lautstärke gespielt. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der einen Hand, und in der anderen Hand ein Bier hatte.

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Der Grund für die Erinnerung an diese Zeit ist die Veröffentlichung eines Kataloges, der vor Kurzem aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde und ab sofort bei Georgies CD & LP-Laden am Stadtring in Nordhorn erhältlich ist.

Es handelt sich dabei um eine Eröffnung der besonderen Art. Sie erfolgte im Museumsdorf Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960ern ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit“. 1973 erfolgte die Umwandlung in eine feste Diskothek. Nach der Schließung im Jahr 2014 ist der „Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und Disco-Ausstattung komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das gesamte Gebäude der Discothek in das Museumsdorf Cloppenburg (Niedersächsisches Freilichtmuseum) umgesetzt. Im Museumsdorf präsentieren sich die im Juli eröffnete Discothek und der zugehörige Bistrobereich wieder mit originaler Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern.

Einer der Autoren des Kataloges ist übrigens der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Werner Straukamp im Gespräch mit GN live berichtete, ist das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung des Museumsdorfs Cloppenburg. Dessen 2018 in den Ruhestand versetzter Leiter, Professor Uwe Meiners, hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem schon erwähnten Katalog finden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Betrachtung der Discokultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nach Delmenhorst zu reflektieren.

Aufwendige Recherchearbeiten folgten. So galt es, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sich unter anderem in einem Institut in Münster und in der Universitätsbibliothek Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es folgen einige weitere Diskotheken, unter anderem das nach einem Hit der US-Beatband benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft werden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim eröffnet das „Oldtimer“ und das „Domino“, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A GoGo“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passiert in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründen. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im „Clubraum am Bremarkt“ finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgen. Der Boom scheint kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt, „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum ... Woche für Woche mindestens 60.000 Disco-Besuche zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Wie Straukamp selbst aus eigener Erfahrung berichtet, war damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiskotheken liefen ihnen den Rang ab. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Discokultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre. Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von der Erwachsenenwelt unkontrollierte Räume entdeckten und neu erschufen. am