26.11.2021, 11:20 Uhr

Neues Buch über die plattdeutsche Sprache in der Region

Plattdeutsche Führungen sind eine Nische des Niederdeutschen - auch wo man es nicht erwartet wie von Töne Speckmann im Rock- und Pop-Museum Gronau. Foto: privat

© Photographer: Frank Schuermann |

Plattdeutsche Führungen sind eine Nische des Niederdeutschen - auch wo man es nicht erwartet wie von Töne Speckmann im Rock- und Pop-Museum Gronau. Foto: privat

Grafschaft In den 1960er Jahren begann in Norddeutschland ein massiver Feldzug der Schulen, um im Zuge der damaligen Diskussion über das Bildungsdefizit der ländlichen Bevölkerung Abhilfe durch die Zurückdrängung der angestammten niederdeutschen Sprache zu schaffen. Sie wurde als entscheidendes Bildungshemmnis und häufig sogar als Zeichen von Unterschicht und Bildungsferne angesehen. Die Auswirkungen dieser Entwicklung in den Lebensalltag und die persönliche Bildungsgeschichte sind auch im Nordwesten gravierend und vielfältig.

Obwohl der niederdeutschen Sprache seitdem wiederholt der unmittelbar bevorstehende Untergang prophezeit wurde, gibt es sie immer noch. Dennoch ist nicht zu bestreiten: Die Bemühungen der Schulen waren nicht erfolglos! Das Plattdeutsche ist in den letzten Jahrzehnten weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Es finden sich unter jungen Leuten kaum noch aktive Sprecher, selbst auf dem Land. Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin viele Menschen, die das Plattdeutsche sprechen oder zumindest verstehen können. Wie haben die Menschen vor Ort die oben beschriebene Entwicklung erfahren? Wie wirkte sich dies auf ihr persönliches Leben, auf ihre Sprachgeschichte aus?

Diesen Fragen gehen der Historiker und Sprachwissenschaftler Dr. Christof Spannhoff vom Institut für vergleichende Städtegeschichte in Münster, der Historiker Dr. Helmut Lensing und der ehemalige emsländische Schulleiter Bernd Robben nach. Sie gewannen gut 90 Autorinnen und Autoren aus allen Bevölkerungsschichten vor allem aus dem Münsterland und dem Osnabrücker Land dazu, ihre jeweiligen persönlichen Erfahrungen mit dem Plattdeutschen niederzuschreiben. Da nicht jeder, der Plattdeutsch spricht oder versteht, auch Niederdeutsch schreiben kann, sind viele Beiträge auf Hochdeutsch verfasst, andere auf Plattdeutsch oder in beiden Sprachen.

So vielfältig wie die einzelnen Varianten des Niederdeutschen sind auch die jeweiligen Zugänge dazu. Niederdeutsch-Professoren wie Dr. Ludger Kremer aus dem Westmünsterland und Dr. Hermann Niebaum aus Osnabrück berichten über ihre berufliche Arbeit mit dieser Sprache. Eine Vielzahl überregional bekannter Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens kommt ebenfalls zu Wort. Dies reicht von der Bundesministerin Anja Karliczek aus dem Kreis Steinfurt und dem Menschenrechtsaktivisten Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich über den Landwirtschaftsautor Gisbert Strotdrees aus Münster und Unternehmern wie die Landmaschinenhersteller Bernard Krone (Spelle) und Klaus Dreyer (Hasbergen, Amazone) bis hin zu aktiven oder ehemaligen Bundestags- oder Landtagsabgeordneten, Bürgermeistern oder Landräten. Auch niederdeutsche Musiker und Autoren wie beispielsweise die Band „Strauspier“ und der Autor Otto Pötter aus Rheine kommen zu Wort. Die wohl älteste Niederdeutsch-Vereinigung der weiteren Region ist gleich zweifach vertreten. Stückeschreiber Richard Schmieding aus Münster führt in die wechselvolle Geschichte der Abendgesellschaft Zoologischer Garten zu Münster (AZG) ein, deren selbst geschriebenen Werke über Jahrzehnte von anderen Theatergruppen nachgespielt worden sind. Und der aktuelle Vorsitzende Gerhard Schneider schildert, wie er als Schlachter aus Sachsen plattdeutscher Theaterspieler und Professor-Landois-Darsteller geworden ist.

Daneben sind im neuen Buch viele „Normalbürger“ vertreten, wie die Altenpflegerin, die Plattdeutsch-Lehrerin, der Musiker, der Jurist, der Schüler, Angestellte, Fremdenführer, eine Reihe von Aktivisten des niederdeutschen Theaters, die Bäuerin, der Buchhändler oder der Hausarzt. So kann man hier beispielsweise Beiträge lesen von Domkapitular Alfons Strodt, ehemals Pastor in Nordhorn, dem Literaturwissenschaftler Dr. Rainer Drewes, früher Lehrer in Ringe, dem Mitherausgeber Dr. Helmut Lensing aus Wietmarschen, dem Lingener Museumsleiter Dr. Andreas Eiynck, dem Emsbürener Unternehmer Hermann Paus oder von Hubert Große Börger, ehemaliger Leiter des Finanzamts Lingen.

Die Beiträge von zwei bis zwölf Seiten sind mal nachdenklich, mal lehrreich, mal interessant, häufig aber amüsant. Illustriert sind sie mit zahlreichen Bildern, die auch zeigen, wo das Plattdeutsche noch lebt, so vor allem bei Theateraufführungen, bei plattdeutschen Führungen wie im Rock- und Pop-Museum Gronau oder bei grenzüberschreitenden Aktivitäten mit den Niederlanden. Gut illustriert ist daher auch der Artikel des US-Amerikaners Alan Harms aus Münster, der anschaulich darlegt, wie ein Sohn des tiefsten Mittleren Westens der USA zum Plattdeutschen fand.

Auflockerung bieten eingestreute niederdeutsche Gedichte, etwa von Karl Sauvagerd aus Neuenhaus, und plattdeutsche Erzählungen. Durch QR-Codes ist es überdies möglich, etliche Autoren und Autorinnen selbst sprechen zu hören oder zu plattdeutschen Musikstücken zu gelangen.

Wat, de kann Platt? Selbstzeugnisse, Geschichten und Gedichte aus dem Münsterland und dem Osnabrücker Land. Hrsg. von Helmut Lensing, Bernd Robben u. Christof Spannhoff, Meppen 2021, 382 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-9821831-4-5. Bestellungen auch unter: kontakt@emslandgeschichte.de