02.12.2020, 08:53 Uhr

Katalog zur Ausstellung über jüdische Familie van der Reis

Der Mediziner Victor van der Reis steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Foto: privat

Der Mediziner Victor van der Reis steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Foto: privat

Neuenhaus Wie in vielen Orten Deutschlands setzte auch in Neuenhaus erst spät die Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft im Ort ein. Seit 2012 widmet sich eine Gruppe engagierter Personen, die sich letztlich im Förderverein Günter Frank Haus zusammengefunden hat, der Erforschung des Judentums in der Dinkelgemeinde. Bald stellte sich heraus, dass einige Neuenhauser noch Kontakte hatten zu einer jüdischen Familie, aus der ein bedeutender Mediziner und Wissenschaftler stammte – Victor van der Reis. Er hatte sich in der Weimarer Republik durch gastroenterologische Forschungen und zahlreichen Veröffentlichungen reichsweit einen Namen gemacht. Im Herbst 2019 widmete sich eine sehr gut besuchte Ausstellung der Familie dieses in Vergessenheit geratenen Sohnes der Stadt Neuenhaus. Wie sein Bruder Hans nahm Victor van der Reis mit Auszeichnungen am Ersten Weltkrieg teil. Danach studierte er Medizin. Die Familie blieb stets mit Neuenhaus verbunden. Nach Anstellungen in Berlin und Greifswald erhielt Victor van der Reis schließlich eine Professur in Danzig und arbeitete dort in einem großen Krankenhaus. Wohl infolge seiner Heirat konvertierte er zum Katholizismus. Trotz seiner weithin bekannten Forschungen und großen Verdienste jagten ihn die Nazis aus dem Amt, verhafteten nach Kriegsbeginn den nach Polen geflüchteten Mediziner und inhaftierten ihn im KZ Stutthoff. Dort wurde er gesundheitlich zu Grunde gerichtet.

Letztlich konnte er offenbar mit Hilfe der katholischen Kirche während einer gesundheitlich bedingten Haftverschonung über Rom nach Brasilien auswandern. Dort startete er erneut eine medizinische Karriere. Seine offensichtlich zum Schutz von Frau und Kindern geschiedene Ehe wurde nach dem Krieg erneut geschlossen, als seine Ehefrau und zwei Kinder nach Südamerika nachkommen konnten. Nach seinem Tod kehrte seine Familie nach Deutschland zurück.

Das Schicksal von Victor van der Reis und seiner Familie, wobei sein Bruder Hans mit Familie durch die Auswanderung nach Südafrika ebenfalls dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden entgehen konnte, wird in vielen Bilder und im Text plastisch dargestellt. Während die beiden Brüder den Holocaust überlebten, wurde demgegenüber die nach Rheine verheiratete Schwester Friedel nach harter Zwangsarbeit in Riga schließlich im KZ Stutthoff umgebracht. Das Leben der Familie van der Reis ist nun – verantwortet von Christa Pfeifer – in einem ausgezeichnet illustrierten und sehr informativen Katalog zur Neuenhauser Ausstellung nachzulesen. Der Katalog wird vom Förderverein Günter Frank Haus herausgegeben, der dabei mit der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte zusammenarbeitete, in deren Verlag das Buch erscheint. Viele der zahlreichen Illustrationen stammen aus Alben der Familien van der Reis. Das Buch enthält zudem einen Beitrag des Nordhorner Mediziners Dr. Konrad Schoppmeyer, der van der Reis als Wissenschaftler würdigt, und eine Stammtafel der Familie.

Förderverein Günter Frank Haus e.V., Neuenhaus, in Zusammenarbeit mit der der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Victor van der Reis (1889-1957). Bedeutender Mediziner – Sohn der Stadt Neuenhaus. Katalog zur Ausstellung im Alten Rathaus von Neuenhaus, 19.10.-10.11.2019, Haselünne 2020, 136 S., ISBN 978-3-9821831-2-1, 17,90 Euro (zu bestellen unter kontakt@emslandgeschichte.de, zzgl. Versandkosten).

Ems-Vechte