31.10.2019, 16:00 Uhr

Kästners „Fabian“ im Nordhorner Konzert- und Theatersaal

Ausschweifendes Großstadtleben, Regierungskrise, Massenarbeitslosigkeit und aufkommende politische Radikalisierung: Erich Kästners Roman „Fabian“ beleuchtete bei seinem Erscheinen 1931 schonungslos den Niedergang der Weimarer Republik.

Robert Zimmermann ist wohl die Idealbesetzung für den vom Leben enttäuschten Fabian. Foto: Kulturreferat Stadt Nordhorn

Robert Zimmermann ist wohl die Idealbesetzung für den vom Leben enttäuschten Fabian. Foto: Kulturreferat Stadt Nordhorn

Das Ensemble der Landesbühne Niedersachsen will am 5. November um 20 Uhr auf Einladung des Kulturreferats in einer eindrucksvollen Inszenierung im Nordhorner Konzert- und Theatersaal zeigen, wie bedrückend aktuell der Stoff immer noch ist. Berlin kurz vor Hitlers Machtergreifung: Hier flaniert Dr. Jakob Fabian – Werbetexter und zutiefst überzeugter Moralist – Ende der 1920er durch die Straßen.

Während die Mehrheit der Berliner tagsüber in unterbezahlten Jobs schuftet, tauschen zugezogene Glückssucher ihre Verdrossenheit des Nachts gegen exzessiven Lebenshunger ein. Auch der zynische Fabian kann sich dem bunten Treiben nicht entziehen. Zumindest so lange, bis ihn ein Rückschlag nach dem anderen ereilt: Er wird arbeitslos, der beste Freund Labude begeht Selbstmord und seine Liebesaffäre endet unglücklich. Auf dem Asphalt der Tatsachen gelandet und völlig pleite, beschließt Fabian, geläutert zu seiner Mutter aufs Land zu ziehen. Er will sich eine Pause gönnen und endgültig zu einem besseren Menschen werden. Doch auch dem Moralisten fällt es nicht leicht, ein guter Mensch zu sein …

Erich Kästners Großstadtroman „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ avancierte - obwohl vom Verlag politisch, sprachlich und moralisch drastisch entschärft - damals zur literarischen Sensation: Dreißigtausend verkaufte Exemplare innerhalb weniger Monate, bis er kurz darauf öffentlich verbrannt wurde: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!“ lautet die Parole der Nationalsozialisten bei ihren Bücherverbrennungen, was angesichts so mancher Diskussion mit den neuen Rechten von heute erschreckend bekannt anmutet. Erst 2012 wurde die rekonstruierte Originalfassung „Fabian oder der Gang vor die Hunde“, die Kästners wilde, ungeschönte und provokante Sprache wieder in den Fokus rückt, erneut verlegt.

Die mit anspruchsvollem Stoff erfahrene „Landesbühne Niedersachsen“ inszeniert „Fabian“ als aufrüttelndes Plädoyer für moralische Integrität im Angesicht aufkeimenden politischen Radikalismus. „Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten“, lässt Kästner seinen „Fabian“ treffend feststellen. Was der Autor vor rund 90 Jahren streichen musste, haben Regisseur Tim Egloff und Dramaturgin Sibille Hüholt auf die Bühne gebracht. Auf raffinierte Art schafft es die eigens erarbeitete Bühnenfassung dem Erzählstil Kästners und seinen ironisch-distanzierten Beschreibungen, treu zu bleiben und die Zeitlosigkeit, die dem Originaltext innewohnt, für das Publikum eindringlich spürbar zu machen: Die sozialen Missstände, das Erstarken der Rechten und das Gefühl, verloren zu sein – das erscheint immer noch empfindlich nah.

Dass sich das Publikum mit dem Geschehen auf der Bühne identifizieren kann, ist auch eine Leistung des brillanten Schauspielensembles, allen voran Robert Zimmermann, der wohl die Idealbesetzung für den vom Leben enttäuschten Fabian ist. Zimmermann beherrscht die gesamte Klaviatur aller Gefühlsnuancen von rasender Verliebtheit über lodernde Wut bis hin zu bodenloser Traurigkeit. Ebenso überzeugend: Viktor Rabl als Labude, Leontine Vaterodt als Cornelia Battenberg sowie Ramona Marx, Aom Flury, Elena Nyffeler und Hannah Sieh.

Karten-Vorverkauf in Nordhorn: online im GN-Ticketshop sowie im GN-Verlagshaus, Coesfelder Hof 2; VVV Nordhorn mit Info-Telefon 05921 80390; Georgies CD und LP Laden mit Info-Telefon 05921 2930; sowie bei allen weiteren ProTicket-Vorverkaufsstellen in Nordhorn und bundesweit; Karten-Vorverkauf per Telefon und Internet: ProTicket Hotline 0231 9172290, und unter www.proticket.de