04.02.2021, 10:49 Uhr

Grafschafter Landwirte stehen vor großen Herausforderungen

Rudolf Aalderink (rechts), Mitglied im Ortsverein Gildehaus und Vorsitzender beim Grafschafter Landvolk, zeigt seinem Vorstandskollegen Hermann Heilker (links) einen Brunnen im Gildehauser Venn, bei dem eine zu hohe Nitratbelastung festgestellt wurde. Foto: Landvolk

Rudolf Aalderink (rechts), Mitglied im Ortsverein Gildehaus und Vorsitzender beim Grafschafter Landvolk, zeigt seinem Vorstandskollegen Hermann Heilker (links) einen Brunnen im Gildehauser Venn, bei dem eine zu hohe Nitratbelastung festgestellt wurde. Foto: Landvolk

Grafschaft Zum Jahresanfang sieht sich das Grafschafter Landvolk nach eigenen Angaben mit zahlreichen Themen und Aufgaben konfrontiert: „Neben der neuen Ausweisung der sogenannten ‚roten Gebiete‘ geht es weiterhin um Anpassungen im Baurecht, um die tierwohlgerechte Gestaltung von Ställen und um weitere Anforderungen seitens des Lebensmitteleinzelhandels“, heißt es in einer Pressemitteilung.

„Der interne Besprechungs- und Diskussionsbedarf der Landwirte, die zusätzlich durch die Folgen der Coronakrise, aber auch durch die Afrikanische Schweinepest und die immer näherkommende Geflügelpest vor Liquiditätsproblemen und großen Zukunftsängsten stehen, hat deutlich zugenommen. All das treibt viele Landwirte auf die Straße“, wird Hermann Heilker, Erster Vorsitzender des Landvolks Grafschaft Bentheim, in der Pressemitteilung zitiert.

Große Verunsicherung bei den Landwirten gebe es nach der Veröffentlichung der neuen Karten zu den roten Gebieten. Die Zahl der Flächen mit einer Nitratbelastung habe sich erhöht. Insbesondere die Brunnen am Gildehauser Venn und am Syen-Venn, bei denen erhöhte Werte gemessen wurden, haben dazu geführt, dass zusätzliche rote Gebiete in der Grafschaft Bentheim ausgewiesen wurden. Die Landwirte vermissen bei der Neufestlegung die „fachliche Begründung zur Ursache der hohen Werte“ und sind der Meinung, dass Gebietsabgrenzungen teilweise willkürlich vorgenommen worden seien. „Wir als Landvolk fordern eine Regionalisierung und stärkere Differenzierung, damit Gebiete, die derzeit grüne, also gute Messwerte vorweisen, auch als grüne Gebiete ausgewiesen werden“, so Hermann Heilker weiter. „Wir Landwirte tragen einen Teil der Verantwortung für die zu hohen Nitratwerte. Aber unsere Anstrengung nach Verbesserung und die Erfolge der letzten Jahre werden bislang nicht honoriert“, findet Heilker. Insbesondere in der Grafschaft Bentheim sei in den letzten fünf Jahren ein erheblicher Aufwand seitens der Landwirte erbracht worden, um die Nitratbelastung des Grundwassers zu vermindern. „Durch gezielte Beratung im Projekt Nährstoffmanagement Grafschaft Bentheim, in der insbesondere Betriebe mit einem hohen Stickstoffeinsatz pro Hektar intensiv beraten wurden, haben wir erreicht, dass wesentlich mehr Wirtschaftsdünger in viehärmere Regionen transportiert wurde.“ Dort könne der Dünger gezielt zu den dortigen Ackerkulturen eingesetzt werden und trage gleichzeitig zum Humusaufbau im Boden bei. „Zusätzlich ist der Mineraldüngereinsatz auf den Grafschafter Betrieben wesentlich gesenkt worden“, erklärt Heilker. Auch andere, bereits umgesetzte Maßnahmen würden zu einer geringeren Nitratbelastung beitragen. Angepasste Fütterung mit eiweiß- und phosphorreduziertem Futter führe zum Beispiel dazu, dass Nährstoffe in der Gülle gesenkt würden. Dazu kämen gesetzliche Vorgaben zum Umgang mit Gülle, die umgesetzt würden, aber wieder zusätzliche, nicht unerhebliche Investitionen für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeuteten. Der hochpreisige Bau von weiterem Güllelagerraum zum Beispiel bringe den Landwirten nur einen kleinen Mehrwert. Es ermögliche ihnen zwar eine bedarfsgerechtere und gezieltere Ausbringung im Frühjahr, die Mehrkosten würden jedoch nicht gedeckt oder honoriert. Auch in der Gülleausbringung gebe es einige Neuerungen, die hohe Kosten mit sich brächten, zum Beispiel die Schleppschlauchtechnik oder die Injektion von Gülle direkt in den Boden. Mit diesen Systemen würden Immissionen weiter minimiert. Auch eine Reduzierung der Viehbestände, insbesondere in der Schweine- und Rinderhaltung, entlaste die Situation, ohne einen höheren Gewinn zu erzielen.

Ein weiteres Thema, welches die Landwirte in den politischen Diskussionen umtreibt, ist die Umsetzung für den Bau von tierwohlgerechteren Ställen. „Auf der einen Seite fordern Gesellschaft und Politik andere Stallformen mit mehr Platz und mehr Tierwohl, auf der anderen Seite ist man nicht in der Lage, innerhalb der bestehenden Koalitionen das Baurecht so zu gestalten, dass die Anpassungen und Umbauten überhaupt möglich sind“, führt der Co-Vorsitzende Rudolf Aalderink aus. „Viele Landwirte sind bereit, ihre Ställe umzubauen und anzupassen, aber die Politik ermöglicht es uns nicht und versagt hier unserer Meinung nach komplett.“ Großen Raum nähmen bei Landwirten zurzeit die Diskussionen zur Zukunft der Landwirtschaft ein. Unter den Landwirten mache sich Resignation und Hilflosigkeit breit.

Vor allem viele junge Landwirte organisieren Demonstrationen oder blockieren die Lager des Lebensmitteleinzelhandels, um so auf ihre Lage aufmerksam zu machen. „Die fünf größten Lebensmitteleinzelhandelsketten seien inzwischen in der Lage, die Preise für landwirtschaftliche Produkte vorzugeben“, so das Landvolk. Auf der anderen Seite würden Anforderungen hochgeschraubt: Insektenschutzgesetz, Düngeverordnung, Nutztierhaltungsverordnung, betäubungslose Kastration, Medikamenten-Überwachung und das Verbot von Pflanzenschutzmitteln.

„Wenn eine neue Bundesregierung im Herbst dieses Jahres die Diskussionen um unsere Zukunft neu anfängt, gehen noch mal mehrere Jahre ins Land. Dann ist es für viele Grafschafter Landwirte allerdings schon zu spät“, heißt es in der Pressemitteilung. Was die Landwirte nach eigenen Angaben aktuell am meisten verunsichert: „Die deutsche Politik fordert von uns heimischen Produzenten Auflagen, insbesondere beim Insektenschutzgesetz, die für importierte Nahrungsmittel nicht gelten. Wir werden hier, ähnlich wie damals die Textilindustrie, mit zu hohen Standards ausgebremst“, stellen die Landwirte fest. „Folgerung davon wäre, dass die Nahrungsmittelproduktion dahin verlagert wird, wo Umwelt- und Naturschutz einen nicht so hohen Stellenwert haben wie hier bei uns. Wollen wir das wirklich?“, so die beiden Vorsitzenden.

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