10.11.2020, 13:23 Uhr

Gewalt in der Beziehung: Frauenberatung Nordhorn hilft

Stets ein offenes Ohr haben die Mitarbeiterinnen der Frauenberatung Nordhorn. Archivfoto: S. Konjer

Stets ein offenes Ohr haben die Mitarbeiterinnen der Frauenberatung Nordhorn. Archivfoto: S. Konjer

Nordhorn Das Telefon klingelt. Eine Mitarbeiterin der Frauenberatung meldet sich. Eine Frau bittet um Hilfe und ist ratlos, wo sie beginnen soll mit der Beschreibung des Problems. „So oder ähnlich könnte es sein“, heißt es von den Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle in Nordhorn zur ersten Kontaktaufnahme von hilfesuchenden Frauen. Mit einem Beispiel gewähren sie Einblick in ihre tägliche Arbeit, die auch während der Corona-Pandemie, wenn viele Familien wegen der Maßnahmen zur Virusbekämpfung eng aufeinander hocken, gefordert ist:

„Die Ehe verschlechtert sich schon seit Längerem, ihr Mann ist zunehmend respektloser, spricht mit ihr abwertend, wenn es Probleme gibt. Er gibt ihr die Schuld und schreit sie an. Einmal hat er sie so geschubst, dass sie gegen den Türrahmen geprellt ist. Es ist ihm egal, ob die Kinder das miterleben. Die Frau nimmt ihn in Schutz. Er habe eine schwere Kindheit gehabt, trinkt oder spielt. Er sei wegen Kurzarbeit momentan zu Hause und da eskaliere es schon in harmlosen Situationen. Wenn er die Nerven verliert, dann haut er zu, erst verbal, dann mit seinen Händen. Später täte es ihm leid. Reden darüber ist aber schwer. Sie hat Angst vor ihm. Trotzdem verlangt er von ihr sexuelle Handlungen. Manchmal jeden Tag. Niemand weiß wirklich, wie es für sie ist. Zum ersten Mal sagt sie am Telefon, sie kann nicht mehr.“

Die komplette Familie leidet

Die Corona-Beschränkungen bringen den Beraterinnen zufolge ans Licht, was Experten als Dunkelfeld der Gewalt betrachten. „Die häusliche Gewalt nimmt zu, und oft leidet die gesamte Familie. Jede vierte Frau in Deutschland ist laut Forschern davon betroffen“, heißt es aus der Beratungsstelle.

Was im Binnenfeld einer Ehe und Familie passiert, das liege oft in Verborgenheit für andere. „Gewalt ist ein Tabu und wird von den Beteiligten schamhaft verschwiegen. Es beginnt immer klein und wird größer, mit verbaler Gewalt und Aggression“, so die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle. Die psychische Gewalt sei der Einstieg in Formen von Unterdrückung wie Verbote von sozialen Kontakten, Kontrolle vom Handy und finanzielle Beschränkungen. Eine Trennung liege für die Frau oft in weiter Ferne. „Niemand kennt ihre dramatische Lage, keiner würde ihr das glauben. Jeder denkt, sie sind eine glückliche Familie. Dabei geht die Gewalt quer durch alle Schichten. Und manchmal geht sie auch über Generationen hinweg. Dann sind erwachsene Frauen betroffen, die in ihrer Kindheit schon Opfer waren oder deren Eltern ihre Familie tyrannisiert haben“, führen die Beraterinnen weiter aus.

„Viele Frauen sind zudem erzogen, dem Mann zu verzeihen und ihm zu vertrauen. Sie unterschreiben Verträge, die sie in den Ruin treiben und sichern sich nicht ab für den Fall der Trennung. Manche besitzen nicht mal ein eigenes Konto. Der Selbstwert nach Jahren der Einschüchterung und Entwertung tendiert gegen null. Und auch dann hat der Mann noch eine passende Abwertung parat: ,Dich will doch keiner. So wie du aussiehst und so alt, wie du bist.‘ Doch damit ist oft eine Grenze erreicht, wo das Opfer sich entscheidet zu kämpfen“, heißt es weiter.

Die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle wollen betroffene Frauen dabei unterstützen, sich aus dieser Situation herauszuarbeiten. Zurzeit findet die Beratung coronabedingt vorrangig telefonisch unter 05921 77779 oder per E-Mail an kontakt@frauenberatung-nordhorn.de statt. Die Grupppenangebote sind derzeit ausgesetzt.

Ems-Vechte