08.05.2020, 10:15 Uhr

GEW bilanziert Schulsituation in der Krise

„In der Krise offenbaren sich Stärken und Schwächen unseres Bildungssystems“, schreibt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Grafschaft Bentheim (GEW) in einer Pressemitteilung, die die aktuelle Situation beschreibt.

Schüler einer 5. Klasse lernen mit iPads im Englischunterricht, eine Ideal-Situation, die nicht an jeder Schule gegeben ist. Foto: dpa

Schüler einer 5. Klasse lernen mit iPads im Englischunterricht, eine Ideal-Situation, die nicht an jeder Schule gegeben ist. Foto: dpa

Nordhorn In den letzten Wochen lag aufgrund der Schließungen der Kindertagesstätten und Schulen ein besonderer Fokus auf dem Erziehungs- und Bildungssystem in Deutschland. Auch in der Grafschaft Bentheim berichteten Beschäftigte in Bildungsinstitutionen, bei den Schulträgern und Eltern über die besonderen Herausforderungen, die seit „Covid 19“ das Leben vieler maßgeblich verändert haben.

Der Kreisvorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Grafschaft Bentheim (GEW Grafschaft Bentheim) möchte herausstellen, welche Leistungen von Erzieherinnen und Erziehern, Sonder- und Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Lehrerkräften in allen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen derzeit vollbracht werden. Klaus Keiser von der GEW schildert die Situation und bewertet Schwächen und Stärken des deutschen Bildungssystems aus Sicht der Gewerkschaft: „Da für die Kinder und Jugendlichen ein wichtiger Sozialisationsort entfällt, unterstützen Pädagoginnen und Pädagogen die Eltern und die Kinder maßgeblich dabei, die gemeinsame Zeit zu Hause aktiv zu gestalten. Eltern, Lehrkräfte, Erziehende in vorschulischen Einrichtungen sowie die Kinder und Jugendlichen stehen vielfach über Telefon und soziale Medien in Kontakt. Neben den fachlichen Anliegen sind auch die psychischen Belastungen, denen sich Familien durch die ganztägige Betreuung des Nachwuchses parallel mit Homeschooling und eigenem Homeoffice der Eltern, fehlenden direkten Kontakten mit Freunden und Verwandten ausgesetzt fühlen, Inhalt von Gesprächen mit den Eltern und den Kindern. Das außergewöhnliche Engagement, die hohe Motivation und die Identifikation mit der eigenen beruflichen Professionalität der pädagogischen Fachkräfte machen diesen wichtigen Austausch möglich und wirken bei der Bewältigung des Alltags in den Familien unterstützend.

Sowohl von Lehrkräften als auch Eltern wird erwartet, dass sie sich jetzt mit vielfältigen Onlinemedien auskennen und über diese miteinander kommunizieren und arbeiten können. Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit privater Hard- und Software in den heimischen Büros, da weder Schulträger noch das Land für eine Ausstattung der Heimarbeitsplätze sorgen. Gleichzeitig müssen jetzt an den heimischen Arbeitsplätzen der Kinder die passende Ausstattung mit Hard- und Software zur Verfügung stehen, um Homeschooling in datenschutzrechtlich gesichertem Rahmen anzubieten. Dies entspricht jedoch nicht der Lebenswelt vieler Familien. Dies führt zu vielfältigen Wegen, wie Schülerinnen und Schüler mit Materialien und Aufgaben versorgt werden. Neben Arbeitsplänen, die via E-Mail versendet werden, oder regelmäßigen Abholzeiten in den Schulen fahren einige Kolleginnen und Kollegen auch persönlich zu den Familien, um die Materialien bei ihnen zu Hause vorbei zu bringen.

Trotz des Engagements von Eltern und Lehrkräften wirkt die derzeitige Situation so, dass sich die sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem verstärken. Verlässliche W-Lan-Anbindungen, digitale Endgeräte, ein ruhiger Arbeitsplatz und Eltern, die gemeinsam den Lernprozess der Kinder unterstützen können, sind Voraussetzungen, die in einigen Grafschafter Familien fehlen. Dies lässt Kinder aus den betroffenen Familien in einen Rückstand geraten, den sie in der weiteren schulischen Sozialisation aufholen müssen. Eine gute individuelle Betreuung im Klassenverband unterstützt dabei, diese häuslichen Nachteile auszugleichen. Ein „Unterstützungsprogramm“, welches die Landesregierung eilends ins Leben gerufen hat, um Familien bei der Anschaffung digitaler Endgeräte für das „Home-Schooling“ zu entlasten, greift hier zu kurz. Auch aus diesem Grund hat die Landesvorsitzende der GEW, Laura Pooth, wiederholt empfohlen, dass Prüfungen in diesem Jahr ausgesetzt werden sollten, da die genannten Benachteiligungen nicht mehr aufgefangen werden können. Sie regte an, dass für Schülerinnen und Schüler, die ihre Note vor dem Schulabschluss verbessern möchten, Ersatzleistungen angeboten werden könnten. Diese Vorschläge wurden leider nicht berücksichtigt.

Trotz des großen Einsatzes von Lehrerinnen und Lehrern gibt es kritische Stimmen, die es für unangemessen halten, dass Lehrkräfte im Schuldienst derzeit voll alimentiert werden, obwohl sie doch nicht „am Kind“ arbeiten, während andere Berufstätige in Kurzarbeit Gehaltskürzungen in Kauf nehmen müssen. Für die Masse der Lehrerinnen und Lehrer bedeutet die Phase der Schulschließungen jedoch keine kürzere Arbeitszeit, tendenziell ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Arbeitsleistung wird durch Arbeiten im Home-Office und die Übernahme und Organisation anderer Aufgaben, zum Beispiel durch die Notbetreuung vor, in und nach den Osterferien, abgegolten. Die konzeptionelle Ausrichtung der Schulschließung, des „Home-Schoolings“ sowie die Wiederaufnahme des Schul- und Prüfungsbetriebs binden überproportional Arbeitsstunden und sorgen für eine volle Auslastung der Arbeitsstunden von Kolleginnen und Kollegen.

Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs offenbart jetzt, wie fragil dieses System auch in der Grafschaft ist. 21 Prozent der Lehrkräfte sind 55 Jahre und älter und damit gehören viele Lehrkräfte in die Gruppe der besonders Gefährdeten und dürften somit bis zu den Sommerferien im Homeoffice bleiben. Da die Unterrichtsversorgung in etlichen Schulen schon vorher unter 100 Prozent lag, ist auch jetzt nicht an einen Regelschulbetrieb zu denken. Eigentlich reichen die vorhandenen Kapazitäten von einigen Kitas und Schulen unter Einhaltung aller hygienischen Standards kaum für einen Notbetrieb aus. Gleichzeitig sollen jetzt jedoch die Schülerinnen und Schüler, die vor einer Prüfung stehen, beschult werden und die Prüfungen absolvieren. Ferner sollen bis zu den Sommerferien alle Klassen wieder regelmäßig beschult werden. Von einem Regelschulbetrieb im klassischen Sinne ist mindestens bis zu den Sommerferien nicht auszugehen. Die GEW geht davon aus, dass noch eine längere Zeit an vielen Kitas und Schulen improvisiert werden muss. Dies begründet sich sowohl in der räumlichen als auch personellen Ausstattung der Institutionen.“

Ems-Vechte