03.11.2020, 10:29 Uhr

Fluglehrer Otto Seidl erhält goldene Daidalus-Medaille

Irmgard und Otto Seidl nehmen die zahlreichen Auszeichnungen entgegen. Foto: Fehren

Irmgard und Otto Seidl nehmen die zahlreichen Auszeichnungen entgegen. Foto: Fehren

Nordhorn Am 1. April 1960, mit dem Tag seines 17. Geburtstags, wurde Otto Seidl Mitglied des Luftsportrings Grenzland Nordhorn. Sein Interesse an der Fliegerei begann jedoch schon im Alter von sechs Jahren. Vor allem die Faszination für die damit zusammenhängende Aerodynamik und Technik verleiteten ihn vor seiner Fliegerkarriere zunächst zum Drachen steigen lassen und dem Modellflug. Hier konnte Otto eigene Flugzeuge nach Belieben konstruieren und Probefliegen lassen. In den 1950er Jahren gab es für den Privatbereich noch keine motorgetriebenen Modellflugzeuge mit Fernsteuerung. Damals schnürte man ein langes Seil an das Modellflugzeug und zog es kreiswärts um sich herum, das war der sogenannte Fesselflug. Mit einem Auszubildendengehalt in der Kfz-Lehre von zu Beginn weniger als 70 Mark pro Monat musste Otto jedoch bis zum Ende seiner Ausbildung warten, um dem Verein beitreten zu können. Einige Jahre zuvor hatte er bereits die Anfänge des Vereins mit seinem damaligen Freund und späteren Segelflugkollegen Hermann Kerkhoff beobachtet und davon geträumt, einmal selbst in dem Cockpit eines echten Flugzeugs zu sitzen. Diese Begeisterung zeigte Otto ab dem Beginn seiner Mitgliedschaft und absolvierte noch im gleichen Jahr seine ersten Alleinflüge auf dem damaligen Schulungsflugzeug „Rhönlerche Ka4“. Ein in Gemischtbauweise konstruiertes Flugzeug, dessen Rumpf aus einem bespannten Stahlrohrfachwerk und die Trag- und Steuerflächen aus einer bespannten Holzkonstruktion bestanden. Die geringen Gleiteigenschaften der „Rhönlerche“ im Vergleich zu den damals moderneren Hochleistungsflugzeugen brachten ihr bereits schon in den 60er Jahren den Namen „Rhönstein“ ein.

Otto Seidl hat in seinen 60 Jahren Mitgliedschaft Vereinsgeschichte geschrieben und maßgeblich für eine erfolgreiche Zukunft des Vereins gesorgt. Über 40 Jahre lang war Otto ehrenamtlicher Fluglehrer des Vereins und hat dabei vielen Flugschülern und Flugschülerinnen aus der Grafschaft das Fliegen gelehrt. Zusätzlich ist er seit über 50 Jahren in Besitz einer Luftfahrt-Werkstattleiter-Lizenz und ist seit 25 Jahren neben dem Fluglehrerdasein auch technischer Leiter des Vereins gewesen. Beispielhaft für sein Engagement ist das Großprojekt des Winters 1986/87 zu nennen, in welchem Otto den Bau der bis heute im Dienst stehenden Seilwinde geleitet hat und hunderte Stunden darin investierte.

Von fliegerischer Seite bleiben Otto vor allem die Erlebnisse von den Höhenflügen in den Alpen in Erinnerung, bei denen er mit einer Sauerstoffmaske mit einem Segelflugzeug auf eine Flughöhe von 8200 Metern stieg. Eine Höhe, auf der sonst heute die modernen Passagierflugzeuge auf Kurzstrecken ihre Reiseflughöhe erreichen. In der Nähe von Madrid gelangen ihm Streckenflüge von weit über 1000 Kilometer an einem Tag. Im Jahr 2004 waren es sogar genau 1111 Kilometer auf den Punkt. Im Sommer des Jahres 1975 landete Otto Seidl mit einer Sondergenehmigung des Luftfahrtbundesamtes ein großes Segelflugzeug des Nordhorner Vereins auf der kurzen Landebahn des Uelsener Modellflugplatzes. Das Ganze unter den staunenden Augen viele Zuschauer und Modellflieger, die das Hobby betrieben, welches Otto im Laufe seiner Jugend letztendlich zur Segelfliegerei brachte.

„Noch so nie zuvor hatten Sie im Cockpit so gefroren“ titelten die Grafschafter Nachrichten am 14. April 1986. Otto hatte damals einen 300-Kilometer-Streckenflug bis nach Verden bei minus 18 Grad Celsius absolviert, bei dem das Cockpit beidseitig vereiste und ihm lediglich die Sicht nach vorne blieb. Trotz des notwendigen Umfliegens von Eisnebelgebieten kam er wieder am Flugplatz Klausheide an, ein spannendes Erlebnis. Dabei wurde er immer von seiner Frau Irmgard und seinen beiden Söhnen Ingo und Volker begleitet, welchen er, als sie alt genug waren, ebenfalls das Fliegen beibrachte. Ab Anfang der 2000er Jahre waren dann alle drei Seidls ehrenamtlichen Fluglehrer im Dienste des Vereins. Zusammen mit einem Wohnwagen ging es gemeinsam auf viele abenteuerlicher Segelflugreisen durch Deutschland und die angrenzenden europäischen Länder. Eine echte Flugplatzfamilie bis an den heutigen Tag.

Neben Präsenten, Urkunden und einer silbernen Ehrennadel des Landesverbandes Niedersachsen wurde Otto ebenfalls die goldene Daidalos-Medaille vom deutschen Aeroclub für außerordentliche Verdienste und die Förderung der Luftfahrt und des Luftsports verliehen. Die höchste Auszeichnung, die Einzelpersonen verliehen werden kann. „Eine Party mit Spanferkel und Fassbier holen wir nach der Pandemie nach“, verspricht Otto den Vereinsmitgliedern abschließend.

Ems-Vechte