25.08.2020, 15:52 Uhr

Europäische Sumpfschildkröten ziehen in den Tierpark ein

Revierleiter Tom ten Tusscher, Inspektor und Kurator Dr. Dirk Wewers und Tierärztin und Kuratorin Dr. Heike Weber (von links) präsentieren die Sumpfschildkröten. Foto: Franz Frieling

Revierleiter Tom ten Tusscher, Inspektor und Kurator Dr. Dirk Wewers und Tierärztin und Kuratorin Dr. Heike Weber (von links) präsentieren die Sumpfschildkröten. Foto: Franz Frieling

Nordhorn Die großen Meeresschildkröten sind den meisten Menschen durch Tierdokumentationen aus dem Fernsehen bekannt. Die kleineren Wasserschildkrötenarten führen hingegen eher ein Schattendasein. Aufgrund der nicht ganz einfachen Haltungsansprüche sind Schildkröten eher etwas für Spezialisten oder besondere Liebhaber, sie gelten nicht als das klassische Haustier. Völlig unbekannt ist den meisten Deutschen, dass es hierzulande sogar eine einheimische Wasserschildkrötenart gibt: Die Europäische Sumpfschildkröte. Dieses Reptil war in Deutschland und Österreich bis ins 19. Jahrhundert durchaus häufig. Neben der Tatsache, dass sie als „Fastenspeise“ gegessen wurde, ist vor allem die Zerstörung der Lebensräume Hauptursache für ihren dramatischen Bestandsrückgang innerhalb der letzten 200 Jahre. Insbesondere Gewässerbegradigungs- und großflächige Entwässerungsmaßnahmen, Aufforstung sowie zunehmende Intensivierung und Industrialisierung der landwirtschaftlichen Flächen, haben die Art in Deutschland bis an den Rand der Ausrottung gebracht. Heute gibt es im gesamten deutschsprachigen Raum nur noch Reliktvorkommen. In Deutschland existieren Einzeltiere oder sehr kleine, isolierte Populationen nur noch in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen. Die Europäische Sumpfschildkröte zählt somit zu den am stärksten gefährdeten Tierarten Deutschlands. In Niedersachsen gilt sie sogar als ausgestorben.

Seit den 1990er Jahren gibt es verschiedene Projekte zur Wiederansiedlung dieser einheimischen Reptilienart in Europa. Eines davon startete 2013 in Niedersachsen, am Steinhuder Meer bei Hannover. Federführend geleitet wird es vom NABU Niedersachsen mit seinem Artenschutzzentrum in Leiferde in Zusammenarbeit mit der „Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer“ (ÖSSM). Für den Tierpark Nordhorn sind diese beiden Projektpartner „alte Bekannte“. „Mit Leiferde tauschen wir uns regelmäßig aus, wenn es um Tiere unserer Auffangstation geht,“ berichtet Kuratorin und Zootierärztin Dr. Heike Weber. „Und für ein Wiederansiedlungsprojekt des Europäischen Nerzes am Steinhuder Meer habe ich vor Jahren schon die Senderimplantationen der Tiere übernommen“, erklärt Weber weiter.

Insofern kennt man sich und so war Projektleiter Kai Olaf Krüger sofort Feuer und Flamme, als der Tierpark vor zwei Jahren seine Bereitschaft zur Mitarbeit am Sumpfschildkrötenprojekt signalisierte. Erfahrungen mit der Haltung dieser Reptilienart haben die Zootierpfleger Nordhorns bereits, kümmern sie sich seit Jahren schon um Fundtiere, die im Teich des sogenannten „Geierfelsens“ Unterschlupf gefunden haben. Diese Gruppe besteht allerdings aus Tieren einer Unterart, die nicht für Ansiedlungsprojekte in Deutschland zugelassen sind, da sie nicht der einheimischen Form entsprechen. Im Zuge der Baumaßnahmen im Bereich des neuen „Vechtedorfes“ wurde im Jahr 2019 ein größerer Teich mit geeigneten Eiablageplätzen für die Erhaltungszucht von Schildkröten geplant und mit den Baumaßnahmen begonnen. Im Frühjahr 2020 konnte der Teich im Übergang vom historischen Bereich in den exotischen Teil des Zoos fertiggestellt werden. Die Suche nach ausgewachsenen Tieren des geeigneten Schildkrötentyps zur Wiederansiedlung gestaltete sich recht schwierig, da er recht selten ist. Aber einige private Züchter, die sich mit ihren Nachzuchttieren ebenfalls an dem Wiederansiedlungsprojekt beteiligen konnten, helfen. „Nach langer Suche hatten wir Glück und konnten von einem sehr erfahrenen langjährigen Züchter und Mitstreiter des Projekts ein Männchen und zwei Weibchen erwerben“, freut sich Weber. Die Ankunft der drei Tiere wurde von den zufällig anwesenden Besuchern mit Spannung verfolgt. Nach der erforderlichen Vermessung und dem Anfertigen von Identifikationsfotos durch Tierparkfotograf Franz Frieling, wurden die wendigen Reptilien in ihr neues Refugium eingesetzt. „Es ist schön zu sehen, wie gut die neuen Zoobewohner hier in der Grafschaft angekommen sind und ihr neues Reich in Augenschein nehmen,“ sagt Dr. Dirk Wewers, der seit April als Kurator und Inspektor im Nordhorner Tierpark arbeitet. „Wir haben natürlich ein Interesse daran, den Tierbestand um möglichst viele bedrohte, interessante Tierarten zu erweitern, denn die erfolgreiche Erhaltungszucht bedrohter Arten mit der Beteiligung an einem Wiederansiedlungsprojekt zählt zu den großen Zielen eines jeden Kurators im Zoo,“ sagt Wewers.

Gelingen Schlupf und Aufzucht, so können junge Sumpfschildkröten mit etwa vier Jahren im Freiland angesiedelt werden. Ein langer Weg also. „Aber im Hinblick auf das Höchstalter von 100 Jahren, die eine Europäische Sumpfschildkröte erreichen kann, relativiert sich das wieder“, schmunzelt Weber.

Im Vergleich zu vielen anderen Arten ist die Europäische Sumpfschildkröte recht klein und erreicht eine Panzerlänge von maximal 20 bis 23 Zentimeter. Ihre dunkel olivgrüne Grundfärbung wird etwas aufgehellt durch eine Zeichnung aus gelblichen Punkten und Strichen. Damit sind diese Reptilien bestens getarnt zwischen den Wasserpflanzen in Tümpeln, Teichen, Gräben, Altarmen oder kleinen Bächen. Acht Unterarten von „Emys orbicularis“ sind beschrieben worden. Wie ihr Name schon sagt, kommt die Europäische Sumpfschildkröte nämlich nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Teilen Europas vor. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Nordafrika über Mitteleuropa bis hin zum Aralsee in Mittelasien und nördlich sogar bis nach Litauen und Lettland. Als Nahrung dienen ihr hauptsächlich Wasserinsekten, Schnecken und Amphibienlarven.

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