06.03.2020, 12:15 Uhr

Erster Professur für Sportökologie vergeben

Skifahren, Klettern oder Kanufahren: Sport an der frischen Luft ist gesund - zumindest für den Menschen. Die Natur leidet unter Outdoor-Sport. Nun gibt es die erste Professur dazu.

Manuel Steinbauer, Arbeitsgruppenleiter der Professur für Sportökologie an der Universität Bayreuth, und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Veronika Mitterwallner untersuchen, wie sich Sportler und Tiere auf der Loipe verhalten. Foto: Daniel Karmann/dpa

Manuel Steinbauer, Arbeitsgruppenleiter der Professur für Sportökologie an der Universität Bayreuth, und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Veronika Mitterwallner untersuchen, wie sich Sportler und Tiere auf der Loipe verhalten. Foto: Daniel Karmann/dpa

Von Mirjam Uhrich, dpa

dpa Bayreuth Als die Professur ausgeschrieben wurde, glaubten selbst an der Universität Bayreuth manche an ein Missverständnis. „Sportökologie? Davon hatten sie noch nie etwas gehört“, sagte Manuel Steinbauer und lachte.

„Sie dachten, es müsste Sportökonomie heißen.“ Aber die Ausschreibung war kein Rechtschreibfehler. „Es ist tatsächlich die erste Professur für Sportökologie an einer deutschen Universität“, erklärte der 36-jährige Professor. Nur an der Sporthochschule Köln gebe es einen ähnlichen Forschungsschwerpunkt.

Manuel Steinbauer muss sich selbst erst in die neue Wissenschaft einarbeiten. Bis vor ein paar Monaten erforschte er noch ausgestorbene Organismen, nun den Kontext von Sport, Naturerlebnis und Umweltschutz. Sportökologie betreffe aber auch den Tourismus, Verkehr, Wirtschaft, Land- und Forstwirte, erklärt Steinbauer. Deshalb gebe es an der Universität keinen eigenen Studiengang, dafür interdisziplinäre Seminare wie „Wirkungsanalyse von Outdoorsportarten“ oder „Naturverträgliche Sportentwicklung“.

Auswertung von Bewegungsdaten

Dabei wird nicht nur vor der eigenen Haustür geforscht, sondern beispielsweise auch auf den Galapagosinseln. „Aber meistens sitzen wir ganz unsportlich vor unseren Rechnern zur Datenanalyse“, erzählt Steinbauer. „Die Technik bietet uns ganz neue Möglichkeiten, Sport im Hinblick auf Ökologie zu untersuchen.“ Apps, Sportgeräte und Fitnessarmbänder liefern Bewegungsdaten der Sportler. Über soziale Medien und Fernerkundungsdaten von Satelliten bekommen die Forscher Informationen zum Standort. „Man muss erstmal wissen, wo die Leute unterwegs sind und warum.“ Außerdem arbeiten sie mit Sensoren für Tiere, Künstlicher Intelligenz und Kameraaufnahmen.

„Die Sportler sollen die Kameras nicht sehen“, sagt Doktorandin Veronika Mitterwallner. Sie deutet auf eine Linse, die auf Hüfthöhe mit einem Gurt an einem Baumstamm befestigt ist. Vier Kameras versteckte sie entlang einer Loipe im Fichtelgebirge, vier weitere mitten im Wald. Künstliche Intelligenz soll ihr bald helfen, die Aufnahmen auszuwerten. „Ich will untersuchen: Wie verhalten sich Sportler und Tiere auf der Loipe? Wie beeinflussen sie sich gegenseitig?“, erklärt die 26-Jährige.

Tiere nützen die Loipe beispielsweise nachts, um bei der Fortbewegung Energie zu sparen, vermutet die Forscherin. Wintersportler bekam sie bislang kaum vor die Linse, dafür Wanderer und Mountainbiker. „Wir sind überrascht, wie viele Leute hier unterwegs sind, für die Natur ist das immens.“ Die Kamera zeichne teilweise 350 Leute pro Stunde auf. „Man hat das Gefühl, wenn ich allein draußen unterwegs bin, schade ich der Umwelt nicht“, sagt Steinbauer. „Aber für die Tiere wäre es besser, wenn 30 Leute auf einmal kämen, anstatt dass sie immer wieder von kleineren Grüppchen aufgescheucht werden.“

Folgen des Outdoor-Sports für die Natur

Nach Angaben des Bundesumweltministeriums (BMU) treiben mehr als 15 Millionen Menschen in Deutschland wöchentlich Sport im Freien. Der Outdoor-Sport nehme immer größere Ausmaße an - in räumlicher und zeitlicher Hinsicht, meint Axel Doering, Sprecher des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz und Präsident der Alpenschutzkommission Cipra Deutschland. „Früher war spätestens um 17 Uhr der letzte Skifahrer von der Piste und die Natur hatte ihre Ruhe“, sagt der 72-Jährige. Doch dann seien unter anderem Sportler mit LED-Stirnleuchten hinzugekommen. „Es gibt keine Ruhezeiten mehr, im Sommer Kanufahren, im Winter Eisklettern.“

Tiere und Pflanzen leiden, auch wenn Sportler die Schäden meistens nicht sehen. „Du merkst nicht, wenn das Auerhuhn ein Ei weniger legt“, sagt Doering. „Oder dass das Wild so gestresst ist, dass es noch mehr Bäume anknabbert.“ Dabei schütze gerade der Wald vor Erosionen, die unter anderem durch E-Bikes ausgelöst würden. „Früher bist du mit hängender Zunge bis zur Alm geradelt, hast ein Bier getrunken und warst stolz. Heute kannst du mit dem gleichen Kraftaufwand die vierfache Strecke und Höhe schaffen.“

Belastung durch den An- und Abreiseverkehr

Doch schlimmer als jeder Sport sei meistens die An- und Abreise mit dem Auto. „Verkehr ist häufig der dickste Batzen“, sagt Steinbauer. Um bequem, flexibel und schnell zu reisen, steigt laut Bundesumweltministerium etwa die Hälfte der Sportler ins Auto. Es plant Mitte März das Dialogforum „Sport.Outdoor - Verantwortung für Natur, Umwelt und Gesellschaft“. Cipra lädt Ende Mai zur Tagung „Outdoortourismus mit Fernsicht“ ein. Sport- und Naturschutzverbände, Politiker, die Sportartikelindustrie und Forscher sollen sich bei solchen Veranstaltungen vernetzen und Lösungen entwickeln: Wie gelangt weniger Mikroplastik durch Turnschuhe in die Umwelt? Wie können Sportler nachhaltig Wandern oder Skifahren?

Wenn Sportstudenten der Universität Bayreuth Langlaufen lernen, fahren sie dafür eine halbe Stunde zum oberfränkischen Fichtelberg. Dort kommt das Wasser für die künstliche Beschneiung aus einem ehemaligen Steinbruch, die Schneekanone verbraucht also nur Strom. Das Sportgebiet wird konzentriert beleuchtet, auf wenig Raum trainieren Profi- und Freizeitsportler verschiedenste Sportarten. „So braucht es zum Beispiel nur einen Parkplatz und die Tiere können sich auf die Störung einstellen“, erklärt Steinbauers Mitarbeiter Volker Audorff. „Sport treibt man am besten von der eigenen Haustür aus, aus eigener Kraft und angepasst an die Bedingungen vor Ort.“

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Erstellt:
6. März 2020, 12:15 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2020, 12:15 Uhr
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