22.11.2021, 09:15 Uhr

„Emsländische Geschichte“ mit vielen Grafschafter Themen

Die Architektin Victoria Prinzessin von Bentheim rettete einer Jüdin das Leben. Foto: Fürstliches Archiv zu Steinfurt

Die Architektin Victoria Prinzessin von Bentheim rettete einer Jüdin das Leben. Foto: Fürstliches Archiv zu Steinfurt

Grafschaft/Emsland Die Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, ein historischer Verein zur Erforschung der Geschichte und Natur der Grafschaft Bentheim und des Emslandes, trat soeben mit dem Band 28 ihres jährlich erscheinenden Vereinsorgans „Emsländische Geschichte“ an die Öffentlichkeit. Das gut 500 Seiten starke Buch enthält eine Vielzahl Themen zur Grafschafter Vergangenheit. In ihrer universitären Abschlussarbeit untersucht Susanne Luft, wo und wie im Bentheimer Land während des Ersten Weltkriegs alliierte Kriegsgefangene untergebracht und beschäftigt wurden. Neben ihrem Verhältnis zur Bevölkerung erforschte sie auch Fluchten und Fluchtversuche in die neutralen Niederlande und deren Ursachen und Bekämpfung seitens der deutschen Behörden. Neben Zeitungen bildeten vor allem ländliche Schulchroniken eine wichtige Quellenbasis ihrer Arbeit.

Als profunder Kenner der Kirchengeschichte des Bentheimer Landes berichtet Dr. Gerrit Jan Beuker im neuen Band 28 der „Emsländischen Geschichte“ ausführlich von der 1727 in Gölenkamp geborenen Geesjen Pamans, deren 200. Todestag sich in diesem Jahr jährt. Pamans verbrachte den größten Teil ihres äußerlich unauffälligen Lebens unverheiratet in Neuenhaus. Doch als fromme Frau und pietistische Schriftstellerin entfaltete sie insbesondere in den Niederlanden große Wirkung und wird dort in streng calvinistischen Kreisen bis heute verehrt. Beuker führt in Leben und Werk der lange in Vergessenheit geratenen, damals aber sehr bekannten und einflussreichen Frau ein.

Der bekannte ehemalige Rundfunk-Journalist Horst Heinrich Bechtluft widmet sich in seinem Beitrag einem weitgehend vergessenen Krieg, nämlich dem deutschen Einigungskrieg von 1866 und hier speziell den Auseinandersetzung zwischen Preußen und Hannover. Er erkundet die Teilnahme des Neuringer Lehrers Lambert Lamann, eines gebürtiger Grasdorfers, an der für Hannover siegreichen Schlacht von Langensalza, die aber die Niederlage Hannovers und das Ende des welfischen Königtums nicht abwenden konnte.

In der Rubrik „Natur und Umwelt“ findet sich im neuen Buch ein reichhaltig illustrierter Artikel von Dr. Andreas Schüring über die Rückkehr des imposanten Seeadlers in die Region Emsland/Grafschaft Bentheim. Ein weiterer Beitrag widmet sich dem giftigen Jakobskreuzkraut, das sich durch die trockenen Sommer der letzten Jahre gerade an Straßenrändern und nicht bewirtschafteten Flächen rasant ausgebreitet hat.

Beiträge zur NS-Zeit, ein Kennzeichen der „Emsländischen Geschichte“, fehlen auch in diesem Band nicht. Paul Thoben, der Vorsitzende der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, macht die Leser mit der Lebensgeschichte einer Angehörigen des Bentheimer Fürstenhauses bekannt. Die Architektin Victoria Prinzessin zu Bentheim und Steinfurt rettete, obwohl zunächst NSDAP-Mitglied, während des Zweiten Weltkriegs unter eigener Lebensgefahr eine Jüdin vor dem Holocaust. Der gebürtige Wietmarscher Helmut Lensing erforscht die Karriere des Lingener NSDAP-Kreisleiters und Bürgermeisters Erich Plesse, der ab 1944 unter Martin Bormann in der Reichskanzlei der NSDAP in München arbeitete. Unter anderem stieß er auf neue Details zum mysteriösen Verschwinden des belasteten NS-Politikers.

Ingo Löppenberg berichtet im Rahmen des Projekts „Biographien zur Geschichte des Emslandes und der Grafschaft Bentheim“ über Leben und Werk des Neuenhauser Bürgermeisters und Torfwerkbesitzers August Brill (1878-1965). Horst Heinrich Bechtluft und Manfred Fickers widmen sich der CDU-Kommunalpolitikerin und Aktivistin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, Elisabeth Brinkmann aus dem Twist, die zuvor in Nordhorn und in der Niedergrafschaft gewirkt hatte.

Zur Erhellung der Parteiengeschichte der Region Emsland/Grafschaft Bentheim trägt Helmut Lensings Fortsetzung seiner Untersuchung über die Zentrumspartei in der Provinz Hannover während der Weimarer Republik bei. In diesem Teil geht es um die Stellung der katholischen Partei zur Revolution 1918/19, um den Kampf zur Bewahrung der Konfessionsschule, den Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920, die Bestrebungen zur Neugliederung des Reiches durch eine Zerschlagung Preußens und die Anstrengungen der Welfen, einen Bundesstaat Hannover zu schaffen.

Insgesamt erhält das neue Werk 13 Beiträge und zur Abrundung fünf plattdeutsche Gedichte der Grafschafter Lyriker Carl van der Linde, Ludwig Sager und Karl Sauvagerd.

Emsländische Geschichte 28, Meppen 2021, 512 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-9821831-5-2, zu bestellen auch an kontakt@emslandgeschichte.de (hier kann die Reihe auch verbilligt abonniert werden).