Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
09.05.2019, 14:30 Uhr

Die inszenierte Mutter

Meghan und Harry stellen eine Geburt als ein rosarotes Traumerlebnis dar. Mütter haben danach gut auszusehen. Mit der Realität vieler Frauen hat das oft sehr wenig zu tun. Aber von der Präsentation von „Baby Sussex“ gehen auch positive Signale aus.

Die inszenierte Mutter

Die Herzogin von Sussex, Meghan, zeigt sich kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes in High Heels. Foto: Dominic Lipinski

Von Annette Reuther, dpa

dpa London Da ist sie wieder. Die strahlende Mutter. Auf einem roten Teppich marschiert sie in High Heels vor die Kameras und berichtet von ihrem Glück. An ihrer Seite ein moderner Mann, der das schlummernde „Baby Sussex“ im Arm hält.

Ein Ansatz vom Babybauch ist noch zu sehen. Aber sonst? Dammriss, Schmerzen, Babyblues, Inkontinenz, Milcheinschuss, brettharte Brüste, Überforderung mit der neuen Verantwortung? All das, was Frauen nach einer Geburt in der ein oder anderen Form blühen kann, spielt bei der Präsentation eines königlichen Babys keine Rolle.

Prinz Harry und Herzogin Meghan erheben die Geburt zum schönsten Erlebnis im Leben einer Frau oder eines Mannes. Perfekt durchchoreographiert. Die Mutter soll dabei schleunigst wieder blendend aussehen. Doch wie realistisch ist das?

„Frauen sehen nach einer Geburt fix und alle aus“, sagte die Freiburger Frauenärztin Irmgard Posch, die 40 Jahre lang im Kreißsaal Kinder zur Welt brachte. Oft würden durch die öffentliche Darstellung von wunderbaren Geburten falsche Erwartungen bei Frauen geschürt. Sie setzten sich mit unrealistischen Vorstellungen selbst unter Druck. „Es trifft nicht zu, dass eine Geburt das schönste Ereignis der Welt ist. Das eindrucksvollste vielleicht oder besser das erschütterndste. Es ist eine Grenzerfahrung, ein Elementarereignis.“

Bei Harry und Meghans Vorgängern im Königshaus sah dieses einschneidende Erlebnis noch viel mehr nach einem Sonntagsspaziergang aus, der kaum Spuren am Körper einer Frau hinterlässt. Herzogin Kate, die Frau von Harrys Bruder Prinz William, zeigte sich schon kurz nach den Geburten ihrer drei Kinder wie aus dem Ei gepellt.

Als sie wenige Stunden nach der Niederkunft ihrer Tochter Charlotte in Absatzschuhen vor die Presse trat, sah sie perfekt aus. Zu perfekt, wie die britische Schauspielerin Keira Knightley meinte. „Verstecke es. Verstecke unseren Schmerz, unsere gerissenen Körper, unsere leckenden Brüste, unsere tobenden Hormone. Sieh wunderschön aus. Sieh gestylt aus, zeige dein Schlachtfeld nicht, Kate“, schrieb Knightley damals. Die Geburt ihres eigenen Kindes beschrieb sie weniger romantisch: „Ich erinnere mich an die Scheiße, das Erbrochene, das Blut, die Stiche. Ich erinnere mich an mein Schlachtfeld.“

Meghan hingegen ließ sich im Gegensatz zu Kate immerhin zwei Tage Zeit. „Von ihr ging doch auch ein positives Signal aus. Der Bauch war nicht kaschiert. Beim Gehen hat man ihr noch die Anstrengungen des Gebärens angesehen“, sagte Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband. Im Königshaus sei „wenigstens ein bisschen Realität eingezogen“.

Ein wenig Fiktion und Traumwelt muss natürlich sein, davon lebt ein Königshaus. „Es ist magisch, es ist total toll“, schwärmte Meghan über ihre Mutterschaft. Ihr Sohn sei „wirklich ruhig“. Nicht mal weinen tut das Prinzenbaby? Wie unfair! Normale Eltern geraten dagegen schnell nach einigen durchwachten Nächten an ihre Grenzen.

Selbst wenn Harrys Bruder William immer wieder über die schlaflosen Nächte scherzt: So richtig kann man sich nicht vorstellen, dass er und Kate es sind, die 365 Tage und Nächte im Jahr Gewehr bei Fuß stehen, wenn der Nachwuchs schreit. Dafür gibt es in einem Königshaus Nannys. Modernität hin oder her.

Um Modernität soll es hier gehen. Meghan (37) und Harry (34) wollen sich von dem Rest des Königshauses abgrenzen, die Kontrolle über die Bilder wollen sie selbst haben. Bei der Baby-Show nimmt Meghan anders als Kate kleidungstechnisch keinen Bezug auf Prinzessin Diana, Harrys verstorbene Mutter. Dafür hält Harry seinen Sohn Archie Harrison Mountbatten-Windsor selbst in den Armen. Anders als seine männlichen Verwandten, die das den Frauen überließen. Einst soll Prinz Philip, der Mann der Queen, über seinen soeben geborenen Sohn Charles gesagt haben, der sehe aus „wie ein Plum Pudding“, also ein Gericht aus Nierenfett.

Aber wie „modern“ ist diese Darstellung wirklich? Eine Darstellung, in der die Frau vor allem schön ist, nach ihren Kleidern beurteilt wird und öffentlich kaum etwas sagen darf.

Mittlerweile gehen viele Prominente auch andere Wege. Sie machen klar, dass die Geburt eines Kindes und die Elternschaft die größten Herausforderungen sind, denen man sich stellen kann. Die britische Sängerin Adele sprach offen über das Tabuthema postnatale Depressionen. Die Schauspielerinnen Cameron Diaz oder Nicole Kidman erzählten von ihrem unerfüllten Kinderwunsch und von zermürbenden Fruchtbarkeitsbehandlungen. Die Sängerin Beyoncé oder der Facebook-Gründer Marc Zuckerberg öffneten sich dem Thema Fehlgeburten. Und die US-Komikerin Amy Schumer zeigte sich nach der Geburt ihres Sohnes so, wie sich Millionen Frauen nach dem Kinderkriegen fühlen: ziemlich fertig.