Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
09.06.2019, 06:02 Uhr

Carl Hagenbeck: Vom Fischhändlersohn zum Zoodirektor

Der Hamburger Carl Hagenbeck hat großen Anteil daran, dass viele Zoos heute so sind wie sie sind. Doch nicht alle Ideen des Hanseaten haben sich bewährt.

Carl Hagenbeck: Vom Fischhändlersohn zum Zoodirektor

Carl Hagenbeck 1907 im Eismeer-Panorama. Foto: Archiv Carl Hagenbeck GmbH

Von Christiane Bosch, dpa

dpa Hamburg Dass aus dem Hamburger Carl Hagenbeck im frühen 20. Jahrhundert der wohl berühmteste Zoodirektor der Welt werden sollte, ist im Grunde ein paar Seehunden zu verdanken.

Die hatten Fischer nämlich seinem Vater - einem Fischhändler - als Beifang mitgebracht. Der geschäftstüchtige Hanseat stellte die sechs putzigen Tiere kurzerhand auf dem Spielbudenplatz als Attraktion aus und nahm dafür Eintrittsgeld.

Sein Sohn war damals noch keine vier Jahre alt. Doch mit der Schau wurde der Grundstein für den Hagenbeck'schen Tierhandel gelegt, den Carl Hagenbeck (1844-1913) später als junger Mann übernahm und aus dem sich später der Tierpark Hagenbeck entwickeln sollte. Am 10. Juni jährt sich sein Geburtstag zum 175. Mal.

Der junge Hagenbeck hatte ein Gespür sowohl für exotische Tiere als auch fürs Geschäft, sagt Klaus Gille, Archivar des Tierparks Hagenbeck, der Deutschen Presse-Agentur. Und so merkte er schnell, dass sich mit guter Unterhaltung gutes Geld machen ließ. Als Tierhändler war er geschickt darin, gefragte Tiere aus aller Welt beschaffen zu lassen. Er belieferte alle wichtigen Zoos der Welt und Privatleute. Gille zufolge galt er bald als einer der wichtigsten Tierhändler Europas.

Da er die exotischen Tiere bis zum Weiterverkauf ohnehin versorgen musste, entdeckte Hagenbeck schnell eine Marktlücke: „Er sagte sich: „Wenn ich sie schon füttern muss, kann ich sie auch ausstellen!““, sagt Gille weiter. 1887 eröffnete er seinen ersten Zirkus und erfand die zahme Dressur, bei der die Tiere mit Belohnungen statt mit Strafen trainiert wurden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die Hagenbecker Zoos in vielen Ländern unterwegs und machten so den Namen zur Marke.

Biograf August Heinrich Kober bescheinigte Hagenbeck eine „innigste Tierliebe“ und „einzigartige, beispielhafte Menschen- und Tierkenntnis“. Davon getrieben war dem Hamburger schon früh wichtig, dass Löwen, Tiger, Elefanten, Pinguine und Co. möglichst ohne Gitter präsentiert werden können. „Hagenbeck war ein Visionär. Er hatte bestimmte Vorstellungen davon, wie Unterhaltung zu organisieren war, was man den Leuten anbieten sollte“, sagt Archivar Gille.

1907, als 62 Jahre alter Mann, erfüllt er sich seinen Lebenstraum und eröffnet vor den Toren Hamburgs einen Zoo, den es in der Art zuvor noch nie gegeben hatte: ein Tierpark mit scheinbar in freier Wildbahn lebenden Tieren. Löwen und Tiger wurden erstmals in prächtigen, der Natur nachempfundenen Kulissen hinter unsichtbaren Gräben gezeigt. Keine Gitterstäbe, keine hohen Zäune.

Das galt als Weltsensation. Mit seinem Tierpark hatte Hagenbeck die Zooarchitektur revolutioniert und gilt deshalb noch heute als der Erfinder des modernen Zoos. „Der Einfluss Carl Hagenbecks auf die moderne Art, Zoos anzulegen und Zootiere zu halten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sein Bemühen, die Tiere möglichst ohne störende Gitter und Absperrungen zu zeigen und sie in der Natur nachempfundenen Umgebungen zu halten, wirkt bis heute nach“, sagt Geschäftsführer Volker Homes vom Verband der Zoologischen Gärten.

Der Deutsche Tierschutzbund sieht das kritischer. Er lehnt Tierhaltung in Zoos nicht generell ab, wie eine Sprecherin sagt. Die Tiere sollten allerdings ohne „Schmerz, Leiden und Schaden gehalten werden“. Zudem sollten die Gehege artgerecht gestaltet sein, damit sie so normal wie möglich leben können. Hagenbeck gehöre zwar zu den moderneren und größeren Zoos unter wissenschaftlicher Führung, gleichzeitig aber gebe es durchaus verbesserungswürdige Aspekte.

Ein heute aus gutem Grund nicht mehr existierendes Standbein waren Hagenbecks Völkerschauen. Zusammen mit den Tieren brachten seine Reisenden Ende des 19. Jahrhunderts bald auch Menschen bislang kaum bekannter Völker mit nach Hamburg. Gegen Geld arbeiteten deshalb Lappen, Nubier, Eskimos, Somalis, Inder, Hottentotten, Indianer und viele mehr als Darsteller für Hagenbeck und sollten in einer Art Dorfleben ihren Alltag und ihre Kulturen zeigen.

Das schürte rassistische Vorurteile: Die „Menschenzoos“ seien ein Schaufenster der Unmenschlichkeit, schreiben etwa Autoren einer gleichnamigen Studie aus dem Jahr 2012. Damals wie heute seien die Völkerschauen als eine Entwürdigung, Erniedrigung und Ausbeutung der Fremden kritisiert worden. Der Tierpark Hagenbeck selbst schreibt dazu in seiner Pressemappe: „Häufig wurden in erster Linie Klischees bedient.“ Von den Völkerschauen zeugen im Tierpark heute nur noch Kulissen und Schautafeln.

Tierliebhaber Hagenbeck starb mit im Alter von 68 Jahren in Hamburg. Sein Tierpark wurde von seinen Kindern und Enkelkindern stetig weitergeführt. Der Zoo ist mehr als 110 Jahre nach seiner Gründung noch immer in Familienhand und wird in sechster Generation von zwei Nachfahrinnen Hagenbecks geleitet. Heute besuchen etwa 1,8 Millionen Menschen den Tierpark im Norden Hamburgs jedes Jahr. Auf dem parkähnlichen Gelände leben heute mehr als 1850 Tiere aus 210 Arten.

Seehunde gibt es heute in dem berühmten Hamburger Zoo übrigens nicht mehr. Die heimische Tierart war schlicht nicht exotisch genug für den Tierpark. Stattdessen hat sich Hagenbeck nun auf Walrosse spezialisiert. In keinem anderen deutschen Zoo können Besucher diese mächtigen Tiere durchs Wasser schwimmen sehen. Das berühmteste Walross war übrigens Antje, das langjährige Maskottchen des Norddeutschen Rundfunks, das 2003 im Alter von 27 Jahren gestorben war.