20.10.2020, 16:20 Uhr

Buchveröffentlichung: Regionalgeschichte spannend erzählt

Die Textilfabrik van Delden war einer der prägenden Betriebe der Branche. Werner Straukamp beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Grafschafter Textilindustrie während des Ersten Weltkriegs. Foto: Schulchronik Altendorf

Die Textilfabrik van Delden war einer der prägenden Betriebe der Branche. Werner Straukamp beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Grafschafter Textilindustrie während des Ersten Weltkriegs. Foto: Schulchronik Altendorf

Haselünne Soeben erschienen ist der neue Band der „Blauen Reihe“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte mit fünf umfangreichen Beiträgen zur Vergangenheit und Natur der Region Emsland/Grafschaft Bentheim und fünf seitenstarken Biografien.

Als Experte der regionalen Textilunternehmen untersucht der Nordhorner Werner Straukamp, wie die Textilunternehmen in Nordhorn, Schüttorf, Gildehaus und Bentheim auf die Herausforderungen des Ersten Weltkriegs reagierten. Diese reichten vom Wehrdienst der Belegschaft, was einen Fachkräftemangel zur Folge hatte, bis zum Materialmangel und hin zu den Versuchen, auf Ersatzstoffe für die Baumwolle wie etwa Brennnesselstängel oder Papier umzustellen. Dabei untersucht Straukamp nicht nur die Situation der Unternehmen, sondern er nimmt die Lage der Arbeiter, ihrer Familien wie auch der eingezogenen Betriebsangehörigen ebenfalls in den Blick. Darüber hinaus schildert er den schwierige Neuanfang nach Kriegsende hin bis zum kleinen Boom der Grafschafter Textilindustrie bis Ende 1922.

Der 27. Band der „Emsländischen Geschichte“ beginnt in der Rubrik „Natur und Umwelt“ mit einem Beitrag des Naturfotografen Dr. Andreas Schüring über die Schleiereule – mit Fotos und Informationen über die Bestandsentwicklung in Niedersachsen, im Emsland und in der Grafschaft. Anschließend beschäftigt sich Helmut Lensing mit dem Buchsbaumzünsler, einem aus Ostasien stammenden Schmetterling, dessen gefräßigen Raupen den Buchsbaum großflächig vernichten.

Dr. Hans Jürgen Hilling deckt die tiefe Verstrickung des aus Niederlangen stammenden und in Dersum praktizierenden Arztes Dr. Nikolaus Hilling (1909-1985) in NS-Verbrechen auf. Der Mediziner aus einem bekannten und eng mit der katholischen Kirche verbundenen emsländischen Großbauerngeschlecht arbeitete während der NS-Zeit im Berliner Reichsgesundheitsamt und war ein führender NS-Eugeniker, der Zwangssterilisierungen organisierte und publizistisch propagierte. Nach dem Krieg problemlos entnazifiziert, konnte er lange Jahre unbehelligt als Arzt im Emsland praktizieren.

Dr. Helmut Lensing untersucht im dritten Teil seiner Serie über die katholische Zentrumspartei in der Provinz Hannover während der Weimarer Republik, wie ihre Jugendorganisation „Windthorstbund“ und der „Volksverein für das katholische Deutschland“ die Partei unterstützten. Zudem beschäftigt er sich mit dem Aufbau der Partei auf Kreis-, Bezirks- und Provinzialebene in den katholischen Hochburgen der Provinz, wobei die Grafschaft in den Blick genommen wird.

Franz Josef Buchholz, ehemaliger Leiter des Straßenbauamtes Lingen, erläutert bislang unbekannte Quellen aus dem Jahr 1795. Gerhard von Scharnhorst gab den Auftrag, für den drohenden Konflikt mit den französischen Revolutionstruppen in den Niederlanden der Nordwesten kartografisch zu erschließen, um Informationen über Wege- und Straßenverhältnisse, passierbare Fluss- und Moorübergänge und über Einquartierungsmöglichkeiten vor allem im Emsland und in der Grafschaft zu erhalten.

Fünf Biografien runden das Buch ab. Ingo Löppenberg beschäftigt sich mit dem rührigen Vogt, Oberförster und Unternehmer Carl Friedrich Brill, eine prägende Gestalt der Grafschaft im 19. Jahrhunderts und Stammvater eines Neuenhauser Honoratiorengeschlechts, der in vielen Gemeinden der Grafschaft, von Ohne über Uelsen, Wietmarschen und Neuenhaus bis Emlichheim und den Moorgemeinden, seine Spuren hinterlassen hat.

Paul Thoben stellt mit Jürgen Be[h]nes aus Sögel einen Stammvater dieser bekannten emsländischen Familie vor. Ulrich Adolf untersucht das Leben des aus Meppen stammenden Juristen und Politikers Adolf Bödiker, ein enger Mitarbeiter Ludwig Windthorsts. Der Pädagoge Johannes Domine aus Lohe/Lahre erlangte Bekanntheit als „Hausdichter“ von Ahmsen. Sebastian Rosenboom schildert das Leben des Papenburger Militärs Hermann Niehoff, der als General an der Ostfront kämpfte und Kommandeur der „Festung Breslau“ war.

Darüber hinaus enthält der Band plattdeutsche Gedichte der Grafschafter Dichter Carl van der Linde, Karl Sauvagerd und dem preisgekrönten Lyriker Hermann May aus Meppen.

Ems-Vechte