Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
03.04.2020, 14:06 Uhr

Austernfischer pfeifen vom Flachdach

Der „Emslandstorch“ brütet immer häufiger in Siedlungsgebieten und nutzt dafür Flachdächer. Das teilt der regionale Naturschutzbund (NABU) mit und erläutert die Hintergründe dieses Verhaltens.

Der Austernfischer, in der Fachsprache Haematopus ostralegus genannt, verwechselt Wasserlachen und Kiesauflagen auf Flachdächern mit natürlichen Flussufern. Foto: Dr. Erhard Nerger

Der Austernfischer, in der Fachsprache Haematopus ostralegus genannt, verwechselt Wasserlachen und Kiesauflagen auf Flachdächern mit natürlichen Flussufern. Foto: Dr. Erhard Nerger

Meppen In diesen Tagen sieht man an Flussufern von Hase, Ems oder Vechte wieder auffällige schwarz-weiße Vögel mit orangefarbenem Schnabel nach Futter stochern. Der Austernfischer, von manchen Vogelkundlern auch scherzhaft „Emslandstorch“ genannt, war ursprünglich ein Küstenbewohner. Über die Flusstäler breiteten sich die Stelzvögel im Binnenland aus – und haben inzwischen als Nistplätze die Flachdächer entdeckt. Offenbar ähneln diese mit ihren Wasserlachen und Kiesauflagen natürlichen Flussufern. Die hohen Gebäude bieten zudem Schutz vor Beutegreifern wie Fuchs und Marder. Wenn die Vögel dann über die Häuser hinwegfliegen, fallen die lauten, durchdringenden Rufe auf, die wie „kliip“ oder „kuliep“ klingen.

„In den letzten Jahren erreichen uns nach der Brutzeit im Frühsommer vermehrt Anrufe von Schulen, Behörden oder Firmen, die ein Austernfischernest auf Ihrem Flachdach haben.“, berichtet NABU-Regionalgeschäftsführerin Jutta Over. „Die Leute machen sich Sorgen um die Küken, welche manchmal vom Dach herunterfallen.“ In der Regel bleiben die Jungvögel auf dem Dach und werden von den Eltern so lange gefüttert, bis sie flügge sind. Fällt doch einmal ein Küken herunter, überlebt es aufgrund seines Leichtgewichts in der Regel den Sturz und kann wieder heraufgesetzt werden, solange oben noch der „Futterservice“ der Altvögel im Gange ist. Ideal seien begrünte Dächer - wie etwa auf dem Lookentor in Lingen - auf denen die Küken schon selbst auf Nahrungssuche gehen können. Wichtig sei zudem, dass auf dem Dach schattige Bereiche und Trinkmöglichkeiten vorhanden sind.

Austernfischer gibt es mittlerweile in der Region in jedem Ort, der über Schulen oder Behörden mit Flachdächern oder über größere Gewerbegebiete verfügt. So ist das Rathausdach in Emlichheim ein immer wieder genutzer Brutplatz. Das Paar, das jährlich auf dem Kreiswehrersatzamt in Meppen nistete, wird sich allerdings nun eine andere Bleibe suchen müssen, da das Gebäude abgerissen wurde. „Wir sind gespannt, wo sich die Vögel dann niederlassen“, freut sich Jutta Over auf Meldungen aus der Bevölkerung. Besonders leicht seien die Vögel zu beobachten, wenn sie die Jungen füttern und dafür unter lauten Rufen zwischen Flachdach und den städtischen Grünanlagen hin- und herpendeln. In den Parks oder auf stadtnahem Grünland suchen sie dann nach Regenwürmern, Schnecken und Insekten, die sie zu den Küken auf das Dach bringen.

Die Besiedlung des Binnenlandes durch den Austernfischer begann in den 1920er Jahren entlang der größeren Flusstäler. Etwa ab 1935 wurde er vermehrt auch in der Region beobachtet, in der Grafschaft etwa an den Flussufern von Dinkel und Vechte, in der Piccardie oder im Syenvenn. Noch bis Mitte der 2000er Jahre waren Austernfischer hier außerhalb der Waldgebiete sehr verbreitet. Inzwischen sind sie in den Acker- und Wiesengebieten fast vollständig verschwunden – dafür nehmen die Beobachtungen im besiedelten Raum zu.

Ems-Vechte